Warum sich Geschichte (im Internet) nicht wiederholt

Veröffentlicht am 12. März 2007 um 17:25 Uhr von Mark Pohlmann

Ein vor der Wiederholung von Fehlern mahnender Paulus Neef veranlaßt mich dazu, doch nochmal die Unterschiede zwischen Hype 1.0 (die Erstkommerzialisierung des Internets 1996-2001) und Web 2.0 (die zweite Welle seit 2004) aufzulisten.

1. Vom Technologieträger zum Infrastrukturmedium
Vor 10 Jahren waren rund 3 Prozent der Bevölkerung online, heute sind es um die 70. Die Nutzungzeit hat sich seither verzehnfacht. Das Internet wird pragmatisch für die eigenen Interessen genutzt und nicht fassungslos angegeglotzt. Eine Technik ist in der Mitte der Gesellschaft angekommen.

2. Gründer statt Berater
Vor zehn Jahren verließen Konzernmanager und Unternehmensberater ihre gutdotierten Posten und gründeten eigene Internet-Start-ups. Die meisten von ihnen hatten nur den Börsengang im Sinn, verdammt viele schafften ihn, werkelten dann noch ein paar Jahre vor sich hin und überließen die Verantwortung anderen. Die wichtigsten Gründer im Web 2.0 haben alle zu Zeiten gegründet, als keiner einen Pfifferling mehr gab für Internetunternehmen. Sie haben sich den Erfolg nicht an der Börse erkauft, sondern am Markt erarbeitet. Die meisten haben erst sehr spät Finanzierungsrunden bekommen, einfach, weil es ihnen anfangs schlicht an Masse fehlte.

3. Investoren statt Kleinanleger

Den atemberaubenden Kurszuwächsen konnten Millionen Kleinanleger nicht widerstehen - und versäumten, rechtzeitig aus den hoch bewerteteten Aktien des Neuen Marktes auszusteigen. Das Geld hat jetzt ein anderer. Heute werden Start-ups mehrheitlich von geschlossenen Fonds oder Unternehmen finanziert, die das Risiko besser einschätzen können und einen viel direkteren Zugriff auf Strategie und Management eines Start-ups haben. Der Finanzmarkt ist für Gründer viel weniger öffentlich inszeniert als noch vor einigen Jahren.

4. Verzicht auf teure Werbung
Erinnern Sie sich noch an 500-Seiten-dicke Magazine vor der CeBIT? Darin wurde das Anzeigengeld der New-Economy versenkt. Heute gilt der Spruch: Wenn es Werbung braucht, ist es kein Web 2.0. Alle erfolgreichen Geschäftsmodelle im Web 2.0 haben sich viral durchgesetzt, nicht durch Anzeigenstrecken.

5. Funktionierende Geschäftsmodelle

Ach, wo wir gerade beim Geld sind. Auch Anwendungen ohne eigenes Erlösmodell haben eine knallharte Währung: Reichweite und Aufmerksamkeit von klar strukturierbaren Zielgruppen, oder simpel ausgedrückt: Werberelevanz. Werbung als Geschäftsmodell funktioniert im Web 2.0 genauso wie Abomodelle. Und anders als vor 10 Jahren besteht der Kern der eigenen Wertschöpfung in der Kundenbindung ganzer Milieus (die Hälfte aller Studenten ist in StudiVZ organisiert), nicht im Abverkauf von austauschbaren Produkten.

6. Flexibilität
Die E-Commerce-Systeme der ersten Generation waren die Dickschiffe des Internets. Heute sind Internetsysteme zu einem Bruchteil der Kosten und in signifikant kürzerer Zeit errichtet, die Weiterentwicklung offener. Wenn sich der Markt ändert, verändern sich die Anwendungen einfach mit. Technik und Budget sind keine limitierenden Faktoren mehr.

7. Wettbewerb statt Monopol
Der vielleicht wichtigste Punkt: Der Markt ist reif für innovative Anwendungen, weil die kritische Masse erfahrener Nutzer längst erreicht ist. Jeder kann sich mit seiner Idee ausprobieren. Möge der Beste gewinnen, nicht der mit dem meisten Geld. Die Nutzer wollen intelligente, radikale Services, keine Monopolisten mehr. Die Kehrseite: Spreadshirt-Gründer und Investor Lukasz Gadowski sprach bei dem Gründergespräch Social Commerce bereits vom "Geschäftsidee-Spam".

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Öffentliche Bekenntnisse eines Web-1.0-Stars

Veröffentlicht am 12. März 2007 um 16:11 Uhr von Mark Pohlmann

Der erste Internetstar hierzulande war ein Berater - ich glaube, schon das wäre heute gar nicht mehr möglich. Jetzt "packt er aus". In der letzten Brandeins (die mit einem Monat Verzug jetzt kostenfrei online abrufbar ist).

Das bisherige Wirken in einem Satz: Er war früh dran, spielte schnell mit den Mächtigen des Landes, hat zuerst viel Geld verdient und zuletzt viel Geld verbrannt, lief danach lange als Visionär ziemlich unbeachtet durch die Gegend und erfährt heuer dank seiner Offenheit seine erste große öffentliche Rehabilitierung. Weil er warnen möchte. Vor Schicksalen wie seinem. Denn der Berater und Börsenstar war eigentlich Opfer seiner (Finanz-)berater. Sein Name: Paulus Neef. Aber lesen Sie selbst.

Sechs Jahre später war Neef ihr Sündenbock. Und was damals geschah, sagt er heute, „wiederholt sich gerade: Es werden Fehler auf allen Ebenen im Web 2.0 wieder gemacht. Der Kapitalmarkt ist extrem und unfassbar. Die, die damals ,Increase your market share!‘ geschrien haben, sind heute wieder da“. Wer das ist? „Die ganzen sogenannten seriösen Triple-A-Banken, die am ersten Hype prächtig verdient haben und jetzt den zweiten Knall vorbereiten. Und sich wieder zeitgerecht aus dem Staub machen.“ So wie 2001.

Neef erzählt, wie seriöse Banker und Manager ihn, den Musterknaben der Branche, dazu drängten, privates Kapital für schnell zusammengeschusterte Internet-Klitschen aufzutreiben. Neef gab dem Druck nach. Er überzeugte Kapitalgeber, viele davon Freunde, alte Bekannte, Geschäftspartner. Dann standen die Start-ups: „Das hatten wir geschafft – und als der Laden fertig war, kam einer dieser seriösen Banker zu mir und sagte: ,Paulus, wir haben eine neue Policy: Get out!‘ Ich dachte, mich trifft der Schlag: Ich hatte Freunde und Bekannte monatelang dazu überredet, mitzumachen, und dann kommt der Kerl und sagt, wir gehen raus, ganz ruhig, wir ziehen jetzt ab.“

Abgesehen davon, daß es im Web 2.0 fast keine Börsengänge, sprich Kleinanlegers Geld für Start-ups gibt, mag ja vieles von Neefs Einsichten stimmen. Aber für mich unvergessen ist vor allem die 12 Seiten lange Anzeigenstrecke im Spiegel wenige Tage vor dem Börsengang von Pixelpark. Dort wurden die ruhmreichen ersten fünf Jahre von Pixelpark (zur Erinnerung: wir schreiben das Jahr 1999) Revue passiert und so das Finale, die zwölfte Seite, vorbereitet, auf der folgender Satz prangte, hineingeschrieben in einen gemalten Seeadler über einem tosenden Atlantik (so siehts jedenfalls in meiner Erinnerung aus, hat jemand das Original?)

"Ja, ich kann mir vorstellen nach Amerika zu gehen" (Pixelpark-Gründer Paulus Neef, 1999).

Ja, und das tat er, er verbrannte hüben wie drüben viel Geld - und scheiterte. Warum auch immer, das soll hier nicht die Frage sein. Nur daß er jetzt als unschuldiges Opfer seines eigenen Expansionsdrangs dargestellt wird, geht mir zu weit. Im Web 1.0 war einfach viel zu viel Großmannsucht dabei, als daß sich jetzt das Scheitern auf die Finanziers der Blase reduzieren ließe.

Achja: Der Artikel in der Brandeins heißt "Elementarteilchen", stammt aus der Feder von Wolf Lotter, und ist wie immer, wenn sich die Brandeins über die Zukunft des Digitalen ausläßt, trotz (oder wegen) derartiger Parteinahmen überaus lesenswert.

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Beschränkte Bilderflut

Veröffentlicht am 28. Februar 2007 um 12:27 Uhr von Janina Dobrzynski

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Es haben leider immer noch nicht alle verstanden, dass Kontrolle im Web 2.0 kontraproduktiv wirkt. Die Academy verbietet auf YouTube gesendete Oscar Clips und merkt nicht, dass sie sich damit auch aus Köpfen und Gesprächen aussperrt. Zumindest langfristig.

Pete Cashmore von Mashable dazu:

This is bad for consumers and ultimately bad for the Oscars, which is, after all, a brand. Lock the clips away, and nobody will bother talking about the brand anymore. In fact, as the LATimes pointed out this week, it seems that YouTube and MySpace have already stolen Hollywood’s crown, with consumers more interested in their own celebrity status, and more concerned with the day-to-day lives of celebs than the movies they promote. Here’s the problem for you, content providers: you’re no longer in charge. The consumer is. And they’ll watch your content where and when they want, or they won’t bother watching it at all.

Sehen wir es positiv: Weniger Content gleich weniger Überforderung. Bleibt mehr Zeit für wirklich interessante Inhalte.

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Jamba im Kampf gegen Drogen

Veröffentlicht am 2. August 2005 um 13:51 Uhr von

Das ist hübsch: Nach der Auffassung von Marc Samwer hält sein klingeltonverkaufendes Unternehmen Jamba Kinder von Ärgerem ab, wie heute in der FTD zu lesen ist.

"Mir ist lieber, die Kinder geben ihr Taschengeld für zwei, drei Klingeltöne im Monat aus, als wenn sie davon Drogen kaufen"

Das, lieber Marc Samwer, glaube ich Dir gerne.

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