Ist Twitter belanglos und mächtig zugleich?

Veröffentlicht am 10. Dezember 2008 um 22:05 Uhr von Anna Friedrich

Der Berliner PR-Berater Florian Siepert hat sich ein Experiment erlaubt. Mit einem falschen Twitter Account des Frankfurter Suhrkamp-Verlages hat er monatelang seine Follower im Glauben gelassen, dass die Nachrichten tatsächlich von der Kommunikationsfrau des Unternehmens stammen. Die Recherche eines Lesers ließ die Lüge dann gestern auffliegen. Prompt ließ der Verlag das Suhrkamp-Konto löschen. Harsche Kritik zum Mirco-Blogging-Wahn kommt Fake-Twitterer selbst. Er mokiert sich über die zahlreichen Belanglosigkeiten, die Nutzer von sich geben:

Es ist Unsinn, so zu tun, als wäre das Internet vom Beelzebub persönlich erfunden worden - aber es ist genauso albern zu denken, man müsse alle zehn Minuten ein Foto von dem Brot, das man gerade isst, ins Internet stellen, um modern zu sein.

Sascha Lobo, Twitter-Pionier und Aushängeschild der Web 2.0-Szene, dagegen sieht in der Zwitscherwelt einen mächtigen Kanal, um eine Masse an Menschen zu bewegen. Denn die, die einem zuhören, könne man von seiner Meinung überzeugen und sie mobilisieren, so Lobo gegenüber der Süddeutschen:

Mikro-Blogging hat einen ganz besonderen Charme. Es ist ein privater Nachrichtenticker und ein Privatnachrichten-Ticker, in den Mitteilungen vermischen sich persönliche und weltpolitische Nachrichten. Man hat das Gefühl, ein Teil des pulsierenden Lebens im Internet zu sein und nichts zu versäumen.

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Bisherige Kommentare

1 | mischa schrieb am 11.12.08 12:03

Es ist natürlich banal, der Welt zu zeigen, wie leichtgläubig die Internettrottel sein können. Allerdings schreckte FS bei seiner doch sehr perfekten Camouflage nicht davor zurück, das Image des Verlags heftig zu attackieren. Nicht durch den Wechsel zur etwas trotteligen Frau Reinisch; sondern durch die zuvor lancierte Meldung angeblicher Raubkopien der neuen Alexander-Kluge-DVDs bei suhrkamp. Daß Siepert nicht davor zurückschreckte, von sich aus dies aktiv zu melden, finde ich mehr als bedenklich.

Daß dies aber eben nur dafür gut gewesen sein soll, nun mit einem Ätsch von der Bühne zu gehen, finde ich doch eher arm. Und bedauere fast, daß suhrkamp von einer Strafanzeige absehen will.

2 | Anna Friedrich Author Profile Page schrieb am 11.12.08 12:14

Hallo Mischa, die Frage, die bleibt ist, was sich Florian Siepert von diesem Streich versprochen hat. Als PR-Berater scheint er sich wohl dessen bewusst zu sein, dass negative PR besser ist als gar keine PR? Ich schäzte, dass suhrkamp ihn nicht anzeigen möchte, um nicht noch mehr Bohei um den Vorfall zu machen. Vielleicht hat die Twitter-Aktion den Verlag ja ein wenig wachgerüttelt und man fängt langsam an, sich in Richtung Social Media zu orientieren...

3 | Lotree schrieb am 11.12.08 12:24

Hat denn wirklich jemand ernsthaft geglaubt, Suhrkamp würde twittern? Bei der "Unsinnspoesie", die von Herrn Florian Siepert da in die Welt gezwitschert wurde. Absurd.

4 | Hannes Offenbacher schrieb am 18.12.08 19:43

Ich würde kurz anmerken, dass es gerade bei Twitter darauf ankommt, wem man folgt. Auch reale Gespräche mit "irgendwelchen Leuten" sind uninteressant. Das hat nichts mit dem Medium zu tun.

Größtes Problem: Der "Follow me & I will follow you" Wahn der auch dazu führt, dass viele glauben Sie und ihre "Fotos von ihrem Essen" seien interessant. Eigentlich bedenklich, dass diese tweets wirklich für einige interessant sind. Tja.

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