Zieht bald die Online-Demokratie ins Weiße Haus?
Veröffentlicht am 4. November 2008 um 9:23 Uhr von Anna Friedrich
Der Paradigmenwechsel des Wahlkampfes wird folgen haben, wenn Obama der neue amerikanische Präsident wird. Davon ist auch Tobias Moorstedt überzeugt:Traditionell ist Lobbyismus in den USA sehr einflussreich. Immer wieder wurde versucht, Interessen mit dem Hinweis durchzusetzen: Mr. President, wir haben Sie finanziert. Ich bin mir sicher, dass Barack Obama auch nach der Wahl weiter mit seinen Anhängern und Geldgebern über seine Website kommunizieren wird. Und seine Community wird ihm dort mitteilen: Wir haben dich ins Amt gehoben und damit bist du uns verpflichtet.
Insgesamt sieht der Buchautor, ist diese neue Art des Wahlkampfs im Cyberspace nicht nur als simples Tool an, um neue Wähler zu gewinnen. Moorstedt sieht diese Online-Demokratisierung eher als eine völlig neue Möglichkeit für Bürgerinnen und Büger, an der Politik und damit auch an der Wahl des Präsidenten teilzuhaben. Politik im Netz ist eine Revolution gegen die alteingefahrenen Strukturen. Deshalb heißt sein Buch auch "Jefferson's Erben": Thomas Jefferson ist der Prototyp des Freiheitspräsidenten. Und die Tatsache, dass er (vermutlich) sechs Kinder mit seiner Leibeigenen Sally Hemings hatte, stellt im weitesten Sinne eine weitere Verbindung zu Obama her.
Noch wichtiger aber ist, dass Jefferson von den Bürgern abverlangte, dass sie sich für eine funktionierende Demokratie beteiligen müssen anstatt einfach nur hinzunehmen, was der Staat vorschreibt. Er ist damit der Vorreiter der heutigen "E-Democracy". Moorstedt schreibt, dass Presse, Funk und Fernsehen in ihrer Berichterstattung in den Wahlkämpfen versagt haben und dass sich deshalb das Internet zur Kommunikations-Plattform für liberale US-Bürger entwickelt hat. Hier lassen sich die Wähler mobilisieren.
Damit lässt sich doch der Cyberspace-Wahlkampf vor allem auf eines zurückführen: den Wandel des Journalismus, den die USA nicht erkannt hat. Denn es geht nicht mehr um eine einseitige Kommunikation zum Medienkonsumenten über assymetrische Kanäle. Jeff Jarvis sagte kürzlich in einem Interview der Süddeutschen Zeitung: Journalismus wurde ursprünglich als etwas definiert, und damit gleichzeitig eingegrenzt, was er die längste Zeit über war: ein täglich produziertes und vertriebenes, vom Sender zum Empfänger kommuniziertes, mono-mediales Produkt. Heute kann Journalismus so viel mehr sein: kollaborativ, wechselseitig, einfach zu korrigieren, kontinuierlich und aktualisierbar.
Jetzt müssen die Leser nicht mehr hinnehmen, was die Massenmedien ihnen "auftischen". Sie können selbst bestimmen, was diskutiert wird und partizpieren aktiv am Geschehen der Politik. Moorstedt sieht in der die Radiotheorie von Brecht realisiert sieht, dessen Vision es war "den Zuhörer nicht nur hören, sondern auch sprechen zu machen und ihn nicht zu isolieren, sondern ihn auch in Beziehung zu setzen."
In Amerika wurde diese Utopie auf das Internet übertragen: Blogs und Co. wurden für die digitale Interaktion mit der Politik instrumentalisiert und massentauglich gemacht. Einen Podcast über eine Rezession seines Buchs.
Gespannt bleibt abzuwarten, ob die neue Mitmach-Politik im Netz auch in der Wahl des "richtigen" Kandidaten bestätigt wird. Der Einzug von Obama ins Weiße Haus wäre vermutlich der Anfang einer Demokratie, in der alle miteinbezogen werden - bis hin zum Gesetzesentwurf nach dem Wikipedia-Prinzip...
Ob die deutsche Politik den Cyberspace auch so für sich nutzen könnte? Sicherlich werden sich die Konzeptioner der Wahlkampagnen einiges von Obama's Webpräsenz lernen können. Dennoch hat die Bloggerkultur in Deutschland bei politischen Themen einen sehr viel geringeren Stellenwert als in den USA. Darauf weiß auch Jeff Jarvis keine Antwort: Manche erzählten mir, dass die Deutschen nicht so gerne mit ihrer Meinung herausrücken, sie schon gar nicht öffentlich kommunizieren. Aber ich glaube, dass sich daran etwas ändern wird, wenn sich unser Leben immer mehr ins Internet verlagert und sich unsere Sozialbeziehungen stärker im Virtuellen abspielen.


Bisherige Kommentare
1 | OlafKolbrueck schrieb am 4.11.08 10:59
In der Tat hat Obama ja Pläne, Gesetzesvorhaben vorab im Netz kommentieren und diskutieren zu lassen. Eine Art Governement-Blog dürfte ein erster Schritt sein, die Aggregierung des politischen Willens einer digitalen Gesellschaft auf das Web zu verlagern. Das erscheint mir unausweichlich, wenn die Politik die kommende "Generation We"
http://off-the-record.de/2008/11/03/die-generation-we/ einbinden will, um sie nicht an digitale Graswurzelbewegungen zu verlieren.
2 | clemens schrieb am 4.11.08 15:52
Ich bin natürlich auch sehr begeistert von Obamas Netzwahlkampf, allerdings bin ich nicht so euphorisch wie du, dass es deshalb eine neue Form der Regierungsarbeit geben wird. White House 2.0? Hier hab ich einige Zitate zum Thema zusammengestellt: http://clemens.blogs.com/clemens/2008/10/white-house-20.html
Sehr lesenswert auch: http://internetundpolitik.wordpress.com/2008/11/03/election-countdown-monday-pm-edition/