Was bleibt, wenn Gründer gehen?

Veröffentlicht am 24. November 2008 um 18:38 Uhr von Mark Pohlmann

Die Nachricht des Tages war zweifellos der Rücktritt des Xing-Gründers Lars Hinrichs. Ich wundere mich, dass ein Aspekt so gar nicht in die Gratulationsbekundungen Eingang gefunden hat:

Warum tritt ein Gründer freiwillig aus seinem eigenen Unternehmen aus?

Wohlgemerkt: Xing ist erfolgreich, kerngesund und profitabel. Lars Hinrichs ein angesehener Unternehmer. Es könnte alles nicht besser sein. Und dennoch scheint es ihm nicht gereicht zu haben.

Persönliche Bereicherung scheidet als Motivation aus. Er bleibt größter Einzelaktionär. Ich höre an dieser Stelle schon die Rufe: "Ein Gründer muss loslassen können!" Ich kann darauf nur antworten: Das könnte er auch, wenn er geblieben wäre!

Bei mir werden alte Erinnerungen wach: Vor ungefähr sechs Jahren, im tiefsten Dunkel der frisch geplatzten New Economy, ging mein damaliger Chef Oliver Sinner von Bord der SinnerSchrader Aktiengesellschaft. Damals waren die Zeiten noch andere: Am Anfang waren Online-Gründer Popstars, danach gefallene Helden. Oliver Sinner ging, als "Excel statt Powerpoint" gefragt war. Matthias Schrader hat alleine weitergemacht, und das ist bis heute so geblieben. Oliver hat nie wieder den Weg zurück ins Online-Business gefunden (oder wohl besser: gewollt), sondern hat ein neues Leben mit Hotels, Bauernhöfen und Restaurants in seinem Heimatort begonnen.

Ich hätte mir damals gewünscht, dass er nicht in den Sack gehauen hätte. Mit seinem Weggang war die Identifikationsfigur unserer Agentur von heute auf morgen weg. Es hat lange gedauert, bis "das Gehirn" Matthias Schrader auch "das Gesicht" von SinnerSchrader wurde (an dieser Stelle meine Hochachtung dafür, dass er dies geschafft hat).

Noch so einer, der in diese Riege passt, ist der Spreadshirt-Gründer Lukasz Gadowski. Auch er ging, weil er für sich selbst keine Zukunft mehr in seinem eigenen Unternehmen sah. Andere sollten es anders, irgendwie besser machen. Lukasz hilft jetzt lieber neuen Unternehmen auf die Beine als seinem eigenen. Spreadshirt ohne Lukasz aber ist nur noch "just another t-shirt-printer". Das Magische ist vorbei.

Warum gratuliert man also einem Gründer zu seinem Austritt?

Es ist wohl so, dass Gründer allgemein sehr gerne aufbauen und sich an der Geschwindigkeit der Entwicklung berauschen können. Aber von Herzen ungerne treiben sie täglich neu das kleinteilige, unaufregende Tagesgeschäft an. Wer interessiert sich schon für Renditeoptimierung oder dafür unaufgeregte Strategien mit ruhigem Auge über lange Zeiträume zu verfolgen, der aus dem Nichts einen Millionenmarkt geschaffen hat?

Und hey - Lars ist 32! Er hat gerade sein zweites Kind bekommen! (Herzlichen Glückunsch den Eltern hierzu) Wer wollte ihm vergönnen, diese Zeit, diesen Moment des Erfolges zu genießen und sie genau jetzt zu konservieren?

Fakt ist doch: Gründer sind die Seele ihrer Firma. Ihre Firmen sind wie ein Körperteil oder wie Kinder: Untrennbar verbunden. Deswegen haben sie eine viel größere Verantwortung als Manager, die nur Leiharbeiter sind. Weglaufen gilt einfach nicht. Es geht immer auch die Seele der Firma mit.

Was also wird aus Xing? Die Herausforderungen für börsennotierte soziale Netzwerke werden in rezessiven Zeiten nicht kleiner. Neue Werbemodelle werden überall gesucht. Facebook drängelt, Linkedin kommt. Ob das geniale Abomodell von Xing noch in drei Jahren so gut funktioniert wie in den letzten fünf? Lars hinterläßt ein bestelltes Haus. Ob es wetterfest ist, weiß man nicht.

Sicher ist hingegen, dass Xing für den Moment seine Mitte verloren hat. Ab sofort ist Xing ein ganz normales Unternehmen. Es gibt keinen Magier mehr, der immer noch einen Trick im Hut hat. Der neue Chef, seine Mitarbeiter und die Kunden werden Zeit brauchen, das Xing nach Lars zu formen. Gibt aber der Markt Xing die Zeit, die es jetzt braucht? Die Zukunft von Xing ist seit heute noch ein bisschen offener ist, als sie das sowieso für alle in diesem Markt ist.

in

Trackbacks

TrackBack-URL für diesen Eintrag:
http://blog.sinnerschrader.de/mt/mt-tb.cgi/2579

Bisherige Kommentare

1 | Marc Frey schrieb am 25.11.08 11:50

Ein guter und wichtiger Beitrag, desen Kernbotschaft tatsächlich in der ganzen Diskussion bislang zwischen die Ritzen gefallen ist. Gut, dass diese Frage wenigstens hier aufgeworfen wird. Der Beitrag macht aber aus meiner Sicht auch deutlich, wie wenig Wertschätzung wir den Gründern, den Magiern, hier in Deutschland entgegenbringen. In USA haben sie eine gänzlich andere Bedeutung. Dort ist mehr eine Kultur der Entrepreneure, hier mehr eine Kultur der Manager und Buchhalter. Lars ist n.m.E. sicherlich mehr der Entrepreneur als der Manager oder Buchhalter...

2 | Mario schrieb am 25.11.08 15:51

Ich kann mir nich vorstellen, dass Lars komplett freiwillig gegangen ist. In einem börsennotierten Unternehmen herrscht an der Spitze wohl noch mehr Druck als in VC finanzierten.

Und so sehr ich persönlich deine Einschätzung über die Magier teile, so wenig Unterschied machen diese für den Endkunden. 95% der Xing-Nutzer wissen wahrscheinlich nichtmal wer Lars Hinrichs überhaupt ist. Noch mehr bei Firmen wie Spreadshirt.
Das ist bei einer Agentur wie sinnerschrader, deren wichtigstes Kapital Beziehungen zu Geschäftskunden ist, sicher anders.

Gruß Mario

3 | Christian schrieb am 25.11.08 18:08

Schöner Post Mark! SG aus Berlin.

4 | Tim schrieb am 25.11.08 19:22

Genau das ist es denke ich. Gründer sind eben Gründer und nicht zwangsläufig Unternehmer. Der Gründer als - wie man auch gern sagt - Entrepreneur ist ein kreativer Kopf auf der Suche nach Ideen, die eine Gesellschaft im besten Falle weiterbringen. Xing ist das gelungen. Es ist ein hocherfolgreiches Netzwerktool, es funktioniert, ist pfiffig, bietet Arbeitsplätze für viele Menschen, sorgt dafür, dass man sich kennenlernt und näher kommt. Mission erfüllt. Ein Entrepreneur, dem sein Kind wirklich am Herzen liegt, lässt es gehen. Für das weitere Gedeihen kann kein kreativer Entrepreneur mehr verantwortlich sein, es sei denn, er ist kompetent in Sachen Business Administration, Verwaltung, etc. Das eben diese Bereiche bei einem kreativen Kopf für Langeweile und Frust sorgen, kann ich gut verstehen. Und jeder Gründer, der es in dem Moment nicht schafft, sein Kind gehen zu lassen, wird es wieder eingehen lassen.

Deswegen beglückwünsche ich Lars Hinrichs zu seiner Entscheidung und bin gespannt auf seine nächsten Ideen, die Stücke der Gesellschaft ändern können.

5 | ami schrieb am 26.11.08 9:45

Es ist unbestritten (und auch erforscht) dass Gründerfirmen im Durchschnitt besser performen als die mit "geliehenen Managern". Dennoch braucht es keinen Gründer, nichtmal einen besonders charismatischen CEO, um ein sehr erfolgreiches Unternehmen aufzubauen. Dafür gibt es ja auch genügend Beispiele (einfach mal die Topunternehmen anschauen und drüber nachdenken wie viele Execs man davon kennt). -> Ausschlaggebend ist v.a. die richtige Kultur. Offensichtlich habt ihr die bei sinnerschrader, bei XING kann ich es nicht einschätzen, bin aber auch optimistisch. Mein Lieblingsbeispiel in der Hinsicht ist craigslist, obwohl man sicher drüber diskutieren darf, ob Craig Newmarks Rolle die Form von "Loslassen" im Unternehmen ist, die du meintest.
Und ja, ich hätte mir vor einem Jahr gewünscht, dass Lukasz eine ähnliche Rolle für sich bei Spreadshirt findet. Denke aber, es ist genauso legitim, wenn jemand "weiterzieht" (und ich finde auch nicht dass es so schlecht um uns bestellt ist, aber das ist die "Innensicht").

Unsere Chefin (die ich übrigens nicht unbedingt als uncharismatisch einschätzen würde und sich sehr für die Unternehmenskultur einsetzt), hat in ihrem Blog auch ein paar schöne Blogartikel zu dem Thema geschrieben, s. http://www.lifeonashirt.com/category/management/
und was ich beim Nachstöbern grade entdeckt habe: Eines ihrer Lieblingsbücher (und auch eins von Lukasz soweit ich weiss) ist "From good to great" .. das passt ja hier zu dem Thema, und interessanterweise hat Lars das in den letzten Tagen ja auch getwittert.

6 | konrad schrieb am 29.11.08 9:58

Interessanter Post + Kommentare!
Vision und Seele eines Gründers leben m. E. auch nach seinem Weggang in vieler Hinsicht weiter.

Kommentar schreiben

(Wenn Du auf dieser Site noch nie kommentiert hast, wird Dein Kommentar eventuell erst zeitverzögert freigeschaltet werden. Danke für Deine Geduld.)





powered by SinnerSchrader

next08 - register