E-bama: Der erste ePräsident Amerikas
Veröffentlicht am 11. November 2008 um 17:54 Uhr von Anna Friedrich
Obama hat sich in seinem Wahlkampf als Marke etabliert und damit das Weiße Haus erobert. Sein digitales Marketingkonzept war es, das ihn dahin gebracht hat, wo er jetzt steht: an der Spitze Amerikas. Er ist zwar das 44. Staatsoberhaupt der Vereinigten Staaten, aber der erste ePräsident der Welt. Er hat sich die Macht der sozialen Medien zu Nutze gemacht. Obama erreichte über die Web 2.0 Anwendungen seine Nachricht und seine Spendenaufrufe an ein sehr viel bereiteres Publikum richten. Seine Facebook-Seite ist nur ein Beispiel hierfür.
Nun hat Obama die Wahl gewonnen. Doch die Direktkommunikation - vor allem über regelmäßige E-Mails und SMS - mit seiner riesigen Fandatenbank, kann jetzt nicht einfach gebrochen werden. Die Ära der politischen Online-Kommunikation, in der ein x-beliebiger Bürger eine E-Mail an Obama schicken kann, bricht gerade an. Wenngleich die Website des neuen US-Präsidenten dies aktuell noch nicht ermöglicht, so werden die Kampagnen-Manager nicht darum herumkommen, Dialogfunktionen einzubauen - ähnlich den sozialen Netzwerken.
Über den Verlauf seiner Transitionsphase bis zum 20. Januar will Obama auf seiner neuen Regierungsseite Change.gov berichten. Diese Transition, wie die Amerikaner sie nennen, findet interaktiv statt. Unter der Rubrik "Open Government" fordert er die US-Bürgerinnen und Bürger auf, ihre persönliche Obama-Geschichte zu veröffentlichen: "An American Moment". Indem Obama seinen Wahlsieg zum Sieg der Bürger macht, gibt er jedem einzelnen das Gefühl, dass er direkt mit dem virtuellen Präsidenten verbunden ist.
Die Macht der Wähler ist gleich die Macht der Konsumenten
Vom Obama-Prinzip sollten auch Unternehmen lernen. Sie müssen ihre Kommunikation mit den Endkunden überdenken - Massenmarketing wird abgelöst von einem kontinuierlichen Dialog mit der Zielgruppe. Der Marketingerfolg Obamas unterscheidet sich nämlich nicht wesentlich von Marken wir Nike oder Apple. Diese dienten den Marketiers aus dem demokratischen Team vielleicht als Inspiration.
Rapp-Chef Paul Price sagt gegenüber der AdAge:You saw mass-microtargeting discriminating on the basis of people's issues, concerns, geographies and demographics. It was a remarkably powerful demonstration of the power of database marketing and data-driven marketing.
Price betont jedoch, dass Obamas Erfolg nicht ganz so einfach auf Konsumentenwerbung übertragen werden kann: It was for a very high purpose. The motivation of people to join and be part of that is at an extraordinary high level.
In Norwegen zeigt eine E-Mail-Kampagne gegen Shell (Video), wie stark der Einfluss von digitalem Direktmarketing auf Konsumenten wirklich ist. Und Konsumenten sind Wähler. Die E-Mail erreichte Millionen Autofahrer erreichte, führte dazu, dass keiner mehr bei dem Ölgiganten tanken wollte.
Von einem solchen Boykott, ausgelöst von einer kleinen E-Mail, ist heute kein Unternehmen mehr sicher. Dieses Machtpotential lässt sich auf die Politik übertragen. Obamas Datenbank unterstützt seine politischen Intentionen - schaden soziale Netzwerke auch. Gleichzeitig schlägt Begeisterung schnell ins Gegenteil. Oder ist die Marke Obama so stark, dass sie vor der Macht des Konsumenten geschützt ist?
Die Marke Obama muss ihre Versprechen nicht halten
Justin Kingsley stellt eine interessante These auf darüber, wie sich unser Verhältnis zu Marken verändert hat. Heute glauben Konsumenten der Werbung nicht mehr. Diese Generation bezeichnet Kingsley als "Obsoletisten". Gemeint ist mit den übersetzt "Unmodernen" eineneue Generation: sie sehnt sich immer nach dem neuesten Trend, während sie schon genau weiß, dass der gleich wieder "out" sein wird:An obsoletist, therefore, is prepared to accept that a brand promise can differ from what a brand delivers. It's about the relationship a consumer has with a name, not a product. It's living on the cutting edge.
Übertragen auf die Obama-Marke bedeutet das, dass sich die Erwartungen an die Veränderungen auch wieder ändern werden. Das gute daran ist, dass es eine neue Ausgabe von Obama erst wieder in vier Jahren geben wird ;-). Aus Kingsleys Sicht überraschend dabei ist, dass der gleiche Markt zuvor zwei mal George W. Bush zum Präsidenten gemacht hat. Auch die anderen Länder haben Erwartungen an die neue Weltmacht: um diese Märkte für sich zu gewinnen, muss Obama aber andere Strategien beherzigen.



Bisherige Kommentare
1 | Franziska D. schrieb am 12.11.08 10:55
Wenn Du Dich näher für dieses Thema interessierst, dann würde ich Dir folgendes Buch empfehlen: http://www.amazon.de/Von-Botschaft-zur-Bewegung-Erfolgsstrategien/dp/3981262905/ref=sr_1_1?ie=UTF8&s=books&qid=1225363977&sr=8-1 – darin geht es genau um die hier angesprochenen Themen: Marketing, Web2.0, die Entstehung einer Marke, direkte Kommunikation mit dem "Kunden" bzw. "Wähler" und die Frage, was die deutsche Politik, aber auch Unternehmen von Obama lernen können...
2 | Stephan schrieb am 12.11.08 19:12
Der Link zum Shell-Video scheint mir falsch zu sein...
3 | clemens schrieb am 14.11.08 10:30
danke anna für deinen kommentar bei mir im blog, auf den ich dir geantwortet habe. mein credo: einen wahlkampf zu gewinnen ist etwas ganz anderes als präsident zu sein.
was mir gerade noch einfällt: sonst wird der politik ja (zu recht) nachgesagt, sie sein innovationsfeindlich und solle von der wirtschaft lernen. das kann jetzt mal andersherum sein.
spannendes thema halt, das uns noch lange beschäftigen wird, zB auf der re:publica09 in berlin. gruss clemens