Google News verursacht Kurssturz bei United Airlines

Veröffentlicht am 19. September 2008 um 19:04 Uhr von Anna Friedrich

Die Macht des Internetgiganten Google wirkt sich sogar auf die Marktkapitalisierung von Unternehmen aus. Letzte Woche vermeldete der Newsservice "Google News" den Konkurs von United Airlines - dass die Meldung schon sechs Jahre alt war, wusste zu diesem Zeitpunkt Niemand, zumindest nicht der Chicago Tribune.

Als Reaktion auf diese Konkursmeldung veröffentlichte die Onlineausgabe der Tageszeitung Sun Sentinel einen Artikel - mit verheerenden Auswirkungen. Die Aktie der United Airlines fiel innerhalb von 12 Minuten um 75 Prozent von von 12 auf 4,05 US-Dollar, mehr als eine Milliarde Dollar (!) wurden vernichtet. Und das alles wegen einer Falschmeldung. Denn der Airlinebetreiber hatte keineswegs Konkurs angemeldet. Die Meldung von vor sechs Jahren wurde versehentlich von einem Google-Computerprogramm als neu ausgegeben.

Nachdem der Fehler aufgefallen war, entfernte der Chicago Tribune den Artikel sofort von seiner Seite und entschuldigte sich in einem Pressestatement:

A Chicago Tribune story written in December 2002 regarding the United Airlines bankruptcy filing that year was apparently picked up by an investment advisory and research firm and republished as though it was current, (...) The story was located in the archive section of the Web site of the Sun Sentinel in South Florida. The story contains information that would clearly lead a reader to the conclusion that it was related to events in 2002. In addition, the comments posted along with the story are dated 2002.

Bei der Schuldfrage geht es nicht darum, wer versagt hat. Klar war es ein Fehler, die Konkursmitteilung und darauf aufbauend den Kurssturz nicht näher zu analysieren. Zwischen der Tribune-Gruppe und Google ist ein Streit entfacht. Ein Sprecher von Tribune spricht von der "Unfähigkeit des automatischen Google-Systems" spricht und macht Google für das Auftauchen der Falsch-Nachricht verantwortlich. Google wiederum spielt den Ball zurück und behauptet gegenüber der Nachrichtenagentur AFP, dass der Artikel eindeutig datiert gewesen sei, da er sonst nicht in das Nachrichtenangebot aufgenommen worden wäre.

Aber, das Problem ist doch ein ganz anderes. Nämlich, wer macht die News? Mensch oder Maschine? Thomas Schuler von der Süddeutschen Zeitung schreibt hierzu:


Niemand kontrollierte und hinterfragte die Aktualisierung. Die Aktie wurde für einige Stunden aus dem Handel genommen. Bis zum Abend war sie stabilisiert, die Börsenaufsicht SEC kündigte eine Untersuchung an. Damit schien das Problem an der Börse geregelt, nicht aber das Problem des Journalismus.

Woher also nehmen wir die News? Wem schenken wir größeres Vertrauen?

Google News ist nicht verlässlich, weil ein mathematischer Suchalgorithmus fehlbar ist. Ausserdem ist das, was Google uns präsentiert, Mainstream. Bloß, weil es die vielgelesenen Artikel zum Thema sind, kann man nicht darauf vertrauen, dass die Informationen richtig oder wahr sind. Oder sollen wir in diesem Fall der Schwarmintelligenz vertrauen?

Journalisten recherchieren häufig nicht gründlich genug. Das liegt sicherlich auch am Zeitdruck - denn Zeitungen müssen Kosten einsparen. Dass Irren menschlich ist, wissen wir bereits seit Homer. Und der Fall von United Airlines hat die Auswirkungen von "blinder" Akzeptanz der klassichen Nachrichtenberichterstattung einmal mehr unter Beweis gestellt.

In einem Interview mit der SZ nahm John Lloyd, Medienexperte und Direktor am Reuters Institute for the Study of Journalism an der Oxford Universität Stellung zum Verhältnis von Journalisten zu Google News:

Google News" ist derzeit eher unser Feind als Verbündeter. Und zwar weil dort Nachrichten nicht selbst produziert, sondern einfach Anderen weggenommen werden. Dadurch wird die Anziehungskraft derer geschwächt, die fürs Nachrichtensammeln bezahlen müssen. Die stellen Google unfreiwillig ihre Ressourcen zur Verfügung und bekommen nichts zurück.

Immerhin scheint sogar Google selbst sich Sorgen zu machen - spätestens nach der provkanten Veröffentlichung von Nicolas Carr "Is Google making us Stupid?". Auf einer Konferenz äußerte sich Google-CEO Eric E. Schmidt kürzlich skeptisch gegenüber der Zukunft des Journalismus. Er befürchtet, dass investigativer Journalismus ausstirbt und zwar zusammen mit der Zeitungsindustrie, die einst ihr Verfechter war. Gegenüber der New York Times sagte er, dass Google von qualitativ hochwertigen Inhalten lebt - womit er ja auch recht hat.

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Bisherige Kommentare

1 | Nicola schrieb am 19.09.08 20:31

Das ist schon eine unglaubliche Geschichte. Google als wunderbares Instrument zur Manipulation. Was die Zeitungen angeht, so hoffe ich doch, dass es zukünftig wieder mehr investigativen Journalismus gibt. Wir betreiben ein kleines Placeblog über die Region Ostwestfalen und bekommen eine Menge Pressemitteilungen zugeschickt. Und wenn man morgens die Lokalzeitung aufschlägt, so findet man dort die Artikel wirklich 1:1 übernommen. Einfach copy&paste, gleiche Überschrift alles.

2 | Sven schrieb am 24.09.08 7:16

Google ist einfach eine unsortierte Sammlung von Wissen und Nichtwissen. Das man versucht hier den schwarzen Peter zuzuspielen ist schon ein lächerlicher Ansatz der Zeitungen.

Wie Nicola schon schrieb ist es heute üblich Tickermeldungen 1zu1 zu übernehmen. Ohne Recherche. Ohne Mehraufwand.

Egal ob es nun eine Alte Meldung bei Google ist, die hochgespült als neu verkauft wird, oder eine Pressemeldung per Email über ein Unternehmen - geprüft wird hier so gut wie gar nicht mehr.

3 | Andrea schrieb am 25.09.08 11:36

Also man kann da kaum google die Schuld zuschieben die machen die Informationen halt nur schneller und verbreiteter zugänglich. Aber man sieht was da letztendlich doch für eine Macht hinter dem ganzen steckt. Ein paar geschickt platzierte Meldungen und man kann schon die Börsenkurse ändern. Ob so was nicht sowieso schon von "schlauen" Leuten ausgenutzt wird?

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