Einfach wunderschön: News Feeds
Veröffentlicht am 10. September 2008 um 15:28 Uhr von Anna Friedrich
Aus simplen Ideen entstehen meist die größten Dinge. Irgendwie erinnert die Geschichte von Facebook-Gründer Mark Zuckerberg, die die NYT darstellt, an weltbewegende Erfindungen wie den Buchdruck, das Internet oder vielleicht noch treffender an die Erfolgsgeschichte von Google. Zum jüngsten Milliardär hat es aber nur Mark Zuckerberg geschafft.
"Sehr primitiv" sei das Netzwerk laut Zuckerberg gewesen. Ursprünglich mussten Nutzer seiner Seite jedes einzelne Freundesprofil besuchen, um zu erfahren, was der jeweilige Kumpane gerade zu berichten hat. Seine Idee, einen News Feed einzurichten, schlug ein wie eine Bombe: nicht nur die registrierten Nutzer waren begeistert. Massen von neuen Nutzern registrierten sich bei der Studentencommunity, die dann innerhalb von kurzer Zeit auch für die breite Öffentlichkeit zugänglich war.
Ein viraler Effekt, der schier unglaublich erscheint. Heute, zwei Jahre später, zählt Facebook 100 Millionen Mitglieder. Die bahnbrechende Entwicklung ist dem amerikanischen Filmemacher Michael Moore sogar einen Blockbuster wert.
Der News Feed, darin ist sich Zuckerberg sicher, war das entscheidende Detail zum Erfolg. Er hat sich zum Freundesmedium entwickelt, das uns zu allen relevanten News aus unserem Netzwerk am Laufenden hält.
Trotzdem war es nicht so, dass sich die Nutzer diesen News Feed wünschten - im Gegenteil. Der junge Gründer glaubt, dass sie erst eine Hemmschwelle überwinden mussten, um sich für diese konstanten Mininachrichten darüber, was ihre Freunde gerade tun oder was sich verändert hat, zu interessieren. Dann aber wurden sie süchtig danach. Zuckerberg erklärt:
Facebook has always tried to push the envelope. And at times that means stretching people and getting them to be comfortable with things they aren't yet comfortable with. A lot of this is just social norms catching up with what technology is capable of.
Facebook ist mittlerweile längst nicht allein unter den sozialen Netzwerken. Im letzten Jahr hat sich ein Schwarm von neuen Applikationen entwickelt: Allen voran das Microblogging-Tool Twitter. Dann gibt es Dopplr und Tumblr, Loopt und viele mehr - viele sind in das Gigantennetz Facebook als Widgets eingebettet. Über die anderen großen Netzwerke haben wir hier schon ausführlich berichtet.
Allein in Deutschland sind laut eMarketer knapp 16 Prozent der Bevölkerung und damit 8,2 Millionen in sozialen Netzwerken aktiv. Die USA stellt im Vergleich dazu gute 23 Prozent und 43 Millionen Einwohner. Von den Holländern nutzen mehr als ein Drittel (36,4 Prozent und 3,7 Millionen) soziale Netzwerke.
Gar nicht so beeindruckend sind die Zahlen, wenn man sich allein den Hype um Facebook anschaut. Der Grund liegt auf der Hand: Social Networking und die damit verbundene digitale Offenheit und Vertrautheit sind auch eine Generationenfrage. Viele über 30-Jährige können sich mit den Tools nicht identifizieren. Viele sehen keinen Sinn darin, einfach so ihre Privatsphäre online zu publizieren und ihre Hemmschwelle ist entsprechend höher. Eine weltweite Studie von Synovative will herausgefunden haben, dass Web 2.0-Communities bei knapp 60 Prozent der Bevölkerung gar nicht bekannt sind.
Was interessiert es "die Anderen" also, wer was wann wo und mit wem...immer und überall? (s. Blogeintrag Hypervernetzte in der Welt des Micro-Blogging). NYT-Author Clive Thompson hat eine schöne Erklärung für dieses Paradoxon. Nicht die einzelne unbedeutende Nachricht ist es, die den Unterschied macht. Veränderung bringt der gesamte aggregierte Nachrichtenstrom:
This is the paradox of ambient awareness. Each little update -- each individual bit of social information -- is insignificant on its own, even supremely mundane. But taken together, over time, the little snippets coalesce into a surprisingly sophisticated portrait of your friends' and family members' lives, like thousands of dots making a pointillist painting.
Marc Davis, leitender Wissenschaftler bei Yahoo und ehemaliger Professor der Informationswissenschaften an der University of California at Berkeley erklärt weiter:
No message is the single-most-important message. It's sort of like when you're sitting with someone and you look over and they smile at you. You're sitting here reading the paper, and you're doing your side-by-side thing, and you just sort of let people know you're aware of them.
Deswegen, so Thompson weiter, kann man das Phänomen auch nur verstehen, wenn man es selbst erlebt hat. Interessant werden News Feeds und Twitter-Updates erst dann, wenn man ihnen kontinuierlich folgt. Nach einem Tag bereits ergeben sie eine Art Kurzgeschichte.
Unser Bedürfnis, ständig mit unseren Freunden online in Kontakt zu stehen, bezeichnen Sozialforscher als "Umgebungsbewusstsein". In der Offline-Welt nehmen wir aus dem Augenwinkel Stimmungen wahr, die Köpersprache, Seufzen etc. Online sind es eben die Kurznachrichten unserer Freunde darüber, was sie gerade tun oder wie sie sich fühlen.
Dieses Bewusstsein unterstützt uns dabei, schwache Bindungen aufrecht zu erhalten. Ein großes Netzwerk mit schwachen Kontakten ist in der Regel nützlicher, als ein kleines mit starken Bindungen, so die Sozialwissenschaftler. Many maintained that their circle of true intimates, their very close friends and family, had not become bigger. Constant online contact had made those ties immeasurably richer, but it hadn't actually increased the number of them; deep relationships are still predicated on face time, and there are only so many hours in the day for that.
But where their sociality had truly exploded was in their "weak ties" -- loose acquaintances, people they knew less well. It might be someone they met at a conference, or someone from high school who recently "friended" them on Facebook, or somebody from last year's holiday party. In their pre-Internet lives, these sorts of acquaintances would have quickly faded from their attention. But when one of these far-flung people suddenly posts a personal note to your feed, it is essentially a reminder that they exist.
Dieser Mix aus Microupdates, Umgebungsbewusstsein und schwachen Bindungen macht es - ganz nebenbei - fast unmöglich, sich neu zu erfinden. Die Vergangenheit ist immer "da" und wir definieren uns mit über unsere Online-Präsenzen. Tantek Çelik hat auf der dConstruct gesagt, dass nach der Frage "Wer bist du?" direkt die Frage "Was ist dein Twittername?" folgt.
Eigentlich ist die Vorstellung beängstigend, wie viel "Datenmüll" sich mit all den Updates ansammelt und was vielleicht andere damit anfangen bzw. anfangen könnten. Und, wenn wir aufhören, unsere sozialen Netzwerkprofile zu nutzen, sterben wir den digitalen Tod.



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