Letzte Ausfahrt E-Commerce

Veröffentlicht am 6. August 2008 um 12:07 Uhr von Mark Pohlmann

Innerhalb von zwölf Monaten haben StudiVZ, MeinVZ und SchülerVZ zusammen ihre Nutzerzahlen von 4 auf 11 Millionen gesteigert. Atemberaubende 95 Prozent sind hiervon regelmäßig aktiv auf den Netzwerken unterwegs. "Unser Wachstum ist keine Eintagsfliege, sondern geplant", sagt StudiVZ-CEO Marcus Riecke im Interview mit der FAZ. Wer jetzt was geplant hat, ist eigentlich egal, schließlich heiligt der Erfolg alle Mittel, und viele Väter hat er sowieso.

Das Problem aber bleibt, dass das geplante Wachstum einfach nicht auf den Umsatz überspringen mag. Riecke windet sich im Interview um konkrete Zahlen herum, avisiert für 2009 eine "Verdreifachung des Umsatzes" auf einen dann "achtstelligen Betrag". Das kann nur heißen, dass dieser derzeit bei um 3 bis 4 Millionen Euro liegt. Bei 11 Millionen Mitgliedern sind das 27 Cent Umsatz pro Nutzer. Und da die Kosten um ein Vielfaches höher liegen dürften, ergibt sich grob kalkuliert und über den Daumen geschätzt einen mittlerer siebenstelliger bis vielleicht sogar achtstelligen Fehlbetrag im Jahr. Der Holtzbrinck Verlag als Eigner wird vor Freude juchzen.

Jetzt müssen also Einnahmen her, klar. Die Quell' der Unbill, immerhin, ist erkannt: Es ist die Werbung, die nicht funktioniert. Marcus Riecke erklärt, warum seine Nutzer diese als lästigen Störfaktor wahrnehmen

In einem Umfeld privater Kommunikation stört Werbung, die den Nutzer von der Kommunikation abhält. Wir werden Modelle finden, in denen wir es schaffen, Werbung zu platzieren, die von den Nutzern gewollt ist.

Was will aber der User? Riecke sagt: Shoppen. Als Paradebeispiel für gelungenes Internetmarketing nennt er die Kooperation zwischen StudiVZ und Brands4Friends. Sie funktioniere, weil das Angebot zum Interesse einer Shopping-Gruppe auf StudiVZ passe. Hier erhalten 90.000 Mitglieder Angebote für reduzierte Markenware. Dies gehe "in die Richtung Social Shopping", so der StudiVZ-Chef.

In Wahrheit ist die Einbindung eines Shops mit festem Sortiment ziemlich weit entfernt von der Idee des Social Shopping: Hier verbinden Produkte Menschen zu Gruppen und führen Empfehlungen zu Produkten. Das macht aber nichts. Fest steht, dass auch das größte Netzwerk Geld verdienen muss. Und irgendwie wird ja alles, was in einer Community passiert, zu etwas Sozialem.

Noch ist es keinem Unternehmen gelungenen, aus einem Inhalteanbieter ein E-Commerce-Unternehmen zu formen. Rieckes Rückfall in die Zeiten der New Economy, wo viele Verlage, darunter der Spiegel, ihre Zukunft im E-Commerce- sahen, wirkt wie ein Verzweiflungsakt.

Shoppen wird das Problem seiner fehlenden Einnahmen allerdings nicht lösen - denn dann wäre er ein Händler. Amazon gibt es aber schon. Und ob eine Community der bessere Händler ist? Wohl kaum. Es hilft alles nichts: Entweder Werbetreibende und Plattformen finden für den Nutzer attraktive Werbeformen, oder Plattformen wie StudiVZ verschwinden. Die Folge wäre nicht, dass sich Communities in Nichts auflösen. Sie würden sich nur weiter zersplittern. 11 Mio. Nutzer auf einen Streich erreichen zu können, ist eigentlich eine Steilvorlage für die Werbeindustrie. Diese Chance gibt es folglich nicht mehr allzu lange. Eine Schande, wenn diese es alleine vor dem Tor nicht schafft, den Ball über die Linie zu schieben.

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