"The News Will Find Me"

Veröffentlicht am 3. April 2008 um 15:01 Uhr von Mark Pohlmann

Ein Zitat aus einem Artikel der New York Times über das Informationsverhalten junger Menschen erreicht derzeit Popularität in der digitalen Welt:

"If the news is that important, it will find me."

Hiermit ist der erste Informationsgesetz der digitalen Generation erstellt: Was wichtig ist und was nicht, entscheidet meine Leitgruppe und kein offizielles Organ mehr wie die Tagesschau. Informationen werden nicht mehr konsumiert, sondern erlebt. Das Erlebnis wiederum ist gruppenbildend: Du gehörst dazu, wenn dich das gleiche interessiert.

Im ersten Moment hört sich dies an wie ein Horrorszenario: So wird man den Zugang zu den meisten Themen, die zwar wichtig sind, aber nicht attraktiv genug, wahrscheinlich in Zukunft verlieren. Auf der anderen Seite werden Modethemen aufgebläht, weil sie unterhaltsam sind und die Gemüter erregen. Auch darf befürchtet werden, dass ein irgendwie annähernd gleicher Wissensstand zu einigen Grundthemen der Gesellschaft fortan nicht mehr ansatzweise bestehen wird. Denn relevant ist ja nur, was zu mir in Bezug steht. Da jeder woanders steht, verliert sich das Gemeinsame rasant und zerfällt in Kleinstgruppen, oder man könnte auch sagen: Sippschaften.

In dem NYT-Artikel ist dieser Trend allerdings nicht ganz so negativ wie befürchtet. Festgemacht wird dies an einem fünfminütigen Obama-Video, das als Antwort auf eine Grundsatzrede von Bush von den klassischen Medien nur dürre Beachtung fand, sich aber über Youtube, Blogs und Networks schnell verbreitete und letztlich Millionen erreichte.

Das ist es, worauf die digitale Generation wartet: Dass eine Information, eine Botschaft nach oben gespült wird, so dass man nur noch auf die großen Plattformen wie Facebook, Digg oder YouTube geht und sich die Sahne abschöpfen kann. "Bevor ich mir etwas ansehe, was ich nicht kenne, schaue ich nur das, was viele Menschen schon für gut befunden haben".

Das ist die darwinistische Seite der Schwarmintelligenz: Gut ist, was einen Selektionsprozess übersteht, an dem nicht mehr einige wenige, sondern Hunderte oder besser, Tausende, involviert sind.

Doch diese immer wieder eruptiv auftauchenden Massenphänomene sind nur die eine Seite der Medaille. Die andere Seite ist das Phänomen, sich inspirieren zu lassen von Bekannten. In der digitalen Welt ist jeder nur eine Schnittstelle, Filter und Katalysator zugleich. Je vernetzter jemand ist, umso häufiger wird er auf Nachrichten hingewiesen und umso besser leitet er diese an Dritte weiter.

"There are lots of times where I'll read an interesting story online and send the U.R.L. to 10 friends," said Lauren Wolfe, 25, the president of College Democrats of America. "I'd rather read an e-mail from a friend with an attached story than search through a newspaper to find the story."

Es ist wie immer, wenn es um Netzwerke geht. Es ist der Link, der den Unterschied macht, der eine Qualität schafft, die es vor dem Internet nicht gab. Intelligente Netzwerke sind nach außen offen und holen sich ständig relevante Informationen ein. Eine Person hat zehn Quellen, hundert haben tausende. Diese wirklich vernetzten Netzwerke sind intelligenter als jeder, der es alleine versucht. Wer sich einmal derart inspirieren lassen möchte, sollte sich einfach die sog. "Tweets" (also: Kurzbeiträge") viel gelesener Autoren auf Twitter.com abonnieren. Er wird staunen, wie oft er auf interessante Beiträge stößt, die, nur wenige Stunden alt, schnell die Runde machen. Auch den Hinweis auf den NYT-Artikel habe ich über Twitter erhalten, von Steve Rubel, der übrigens auch auf der Next08 am 15. Mai über dieses Thema referieren wird.

Auf der Verliererseite stehen Menschen in schwachen und kleinen, oder vielleicht ganz ohne Netzwerke. Sie werden in Zukunft noch stärker von Informationsflüssen ausgegrenzt sein, als sie das heute schon sind - entweder, weil sie über das Stadium von Gewalt- und Sexvideos als Stimulanz nicht hinauskommen, oder weil sie zu einseitigen, zu deterministischen Gruppen angehören.

Massenmedien jedenfalls, so die NYT, profitieren von dem Trend, dass Reichweite vor allem dann entsteht, wenn Leser darüber bloggen oder anderweitig berichten. Viele Beiträge erreichen erst im Web ungeahnte Abrufzahlen. CNN-Videos aus dem US-Wahlkampf, auf Youtube und Facebook plaziert, erreichen Millionen Zuschauer, wobei die Zugriffszahlen über Wochen konstant, manchmal sogar erst spät stark steigend sind. Ein anderes Obama-Video von CNN wurde auf diese Weise 3,4 Mio. mal angesehen - von einer ausschließlich junge Zielgruppe wohlgemerkt. Hunderttausende suchen nach dem Ansehen des Videos die Website von CNN auf, um mehr zu erfahren.

Und: jedes gute Video ist Rohmaterial für neue Impulse, da ständig Nutzer kreative Bearbeitungen oder sonstige Weiterentwicklungen damit anstellen. So ist aus den Reden von Obama ein ganzes Musical entstanden: "Yes, we Can". Angesehen wurde es seit seinem Launch am 5. Februar 2008 17 Mio. mal. Wer weiß, wessen dröge Politiker- und Wirtschaftskarriere auf derartige Weiste noch zu spätem Ruhm auf fremder Bühne führen wird. Der Ex-Poliker Ronald Schill zeigt, wie man auf YouTube nach oben kommt. Jedes Land hat wohl seine YouTube-Stars, die es verdient.

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