Kostenlos als Business-Modell

Veröffentlicht am 25. Februar 2008 um 9:30 Uhr von Mark Pohlmann

Ich stolpere gerade über einen sehr schön plakativ-visionären Artikel von Chris Anderson, Wired-Autor und Erfinder des Begriffes "Long Tail" für Kleinstzielgruppen. Er wirbt für "Freeconomics", eine Kostenlos-Kultur, nicht, weil es einem sozialistischen Grundverständnis folgt, sondern weil der eigentliche Wert der Zugang zu Kundengruppen und die daraus resultierende Aufmerksamkeit ist.

Jedes erfolgreiche Unternehmen - zumindest, wenn man sich im Web umschaut - hat seine Dienste erst vollkommen kostenlos gemacht und ist dann groß geworden. Das sei auch der Grund, warum sogenannte "Micropayments", also ein paar Cent für einen Artikel oder eine Information, scheitern mußten: Weil es einen riesigen Unterschied macht, ob man wenig oder gar nichts bezahlt. Wahrscheinlich hat er recht.

Seine Antwort, wie denn nun sich diese Kostenlos-Wirtschaft finanziert, ist allerdings nicht das derzeit omnipräsente Wörtchen "Werbung". Es ist der Gedanke des Sponsoring oder Cross-Selling. Im Mittelpunkt steht der Zugang zu Kundengruppen. Wer diesen hat, hat die Macht. Wer etwas kostenlos anbietet, möchte an anderer Stelle Kasse machen. Jede Freiheit hat also ihren Preis, mit dem Kernmerkmal, dass der Kunde immer wieder neu ausprobieren kann, was es in der Überfülle für ihn so gibt.

Beispiele gibt es genug, er selbst nennt kostenlose Handies und teure Mobilfunkverträge, Rasierer und Klingen, mir fallen noch die berühmten Öllampen ein, die sonst in diesen Fällen immer herhalten müssen. Immer geht es um das Prinzip: Billig anfüttern, später Kasse machen.

Soweit, so bekannt. Interessant wird der Artikel in der zweiten Hälfte. Hier geht es um das Phänomen der Überfülle, so wie sich das Web - und auch viele andere Wirtschaftsbereiche heute darstellen. Überfluß heißt in seiner Konsequenz: Verschwendung. Aber das ist für Anderson nichts schlechtes, es ist schön. Denn erst wenn etwas in Überfülle vorhanden ist, können wir uns von seinen Einschränkungen befreuen. Er malt das Bild einer Wirtschaft, iin der Strom nicht nur nichts kostet, sondern vollkommen natürlich hergestellt werden kann. Alles würde besser werden!, behauptet er. Was dann wäre, kommt dem sozialistischen Weltfrieden ziemlich nahe. Alle hätten Wohnungen, Essen, Wasser.

Wo ich ihm recht gebe: dass Technologien wie das Internet erst unlimitierten Zugang brauchen, um eine eigene Effizienz zu entwickeln. Erst, wenn möglichst viele ständig auf alle Informationen zugreifen können, werden alternative Kanäle überflüssig. Dass kostenlos nicht schlecht heißen muß, zeigen tausende Dienste, allen voran Wikipedia, tagtäglich. Dass Überfluss aber auch Geringschätzung heißen kann, erwähnt Anderson nicht. Mir fallen da immer die überhitzten, weil kostenlos heizbaren Wohnungen in der DDR ein, oder die Brote, die dort so billig waren, dass sie an die Schweine verfüttert wurden, weil Tierfutter zu teuer war.

Wie auch immer. Übertreibungen dienen der Verständlichkeit. Was beim Lesen solch radikaler Artikel auffällt, ist, dass man diese immer nur im englischsprachigen Raum geschrieben werden. Wo sind die deutschen Vordenker? In desem Sinne: Lesen.

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