Das Ende eines Experimentes: Drei Monate SZ

Veröffentlicht am 10. Februar 2008 um 21:39 Uhr von Mark Pohlmann

Seitdem es Zeitungen gibt, gibt es empörte Abonnenten, die wegen Anlässen, die anderen auf ewig verborgen bleiben, empört kündigen, nicht ohne vorher nochmal richtig beleidigt durch die Gegend zu wettern. Ich habe vor drei Monaten mit der FAZ gebrochen, als sie mit einem nicht ungeschriebenen, aber vielzitierten Gesetz brach: Keine Bilder auf Seite eins. Damit, und mit ein paar anderen Details, die mit diesem Tabubruch einhergingen, endete für mich eine rund fünfzehnjährige unverbrüchliche Treue zu "Deutschlands führender Tageszeitung" (die sie schon längst nicht mehr ist). Ich schrieb keinen Leserbrief, ich bloggte. Und kündigte.

Es war mehr als dieses dusselige Bild, das mich enttäuschte. Aber schon das: Haben wir nicht genug Bilder, und zwar überall? Und gleich das erste, am ersten Tag des Tabubruchs: ein zehn Jahre altes Portrait des verstorbenen Walter Kempowski. Schlechter hätte man die bebilderte Sinnlosigkeit nicht exekutieren können. Ein Bild eines Lebenden als Erinnerung an einen Toten, so wie jeder bei Google es hätte hundertfach finden können. Es gibt, so sprach das Bild, keinen Grund für den Abdruck, keine Aussage, außer der, dass es auch alle anderen tun. Die Angst vor der sinkenden Auflage. Angst vor Reichweitenverlust war der Motor für den Relaunch. Mutlosigkeit das Ergebnis. Sein Symbol: Das Bild auf Seite 1.

Verändert wurde mehr als das Bild auf Seite eins. Die neue FAZ hat nun einen lichteren Satzspiegel, größeren Zeilenabstand und bekämpft die unterstellte Bleischwere des alten Blattes insgesamt sehr erfolgreich. Ja super, sowas wie die Welt gibt es schon, die muß man nicht nochmal neu erfinden, erst recht nicht von Frankfurt aus. Der Relaunch gibt gefühlte 20 Prozent des Inhalts zugunsten der Ästhetik des Zeitgeistes auf. Ein schlechter Deal.

Jetzt also die SZ. Wenigstens drei Monate, denn solange ging das Probeabo, das ich nicht verlängern werde. Wie waren die 90 Tage also in der süddeutschen Diaspora?

Um es kurz zu machen: Ich kann nichts schlechtes sagen. Begeistert hat es mich trotzdem nicht, was aber wohl eher mir als der Zeitung zuzuschreiben ist.

Neben dem sichtbar chaotischeren, wahrscheinlich liebenswerten Layout der Zeitung (alleine vier Schrifttypen im Kopf) am auffallendsten ist der sprachliche Unterschied. Die SZ hat einen sehr schönen Sprachstil und ist dazu orthographisch fehlerfreier als die FAZ. Nicht umsonst steht das Streiflicht an erster Stelle. Es setzt die rhetorische Messlatte des ganzen Blattes. Die SZ ist heiter-reflektiert mit menschlich- wie umsichtig verantwortungsvollem Unterton. Man hat studiert bei der SZ. Unglücke aller Art werden gerne und umfassend beschrieben, aber niemals ohne Hinweis auf ihre Ungerechtigkeit. Die SZ kümmert sich gerne um Menschen aus der zweiten Reihe. Gefallene Helden. Menschen, die nicht klagen, sondern machen. Toll sind das SZ-Magazin am Freitag und die New-York-Times-Kurzausgabe am Montag. Während die Themenauswahl des Feuilletons insgesamt erfrischte, kann der Wirtschaftsteil nur schwer als solcher bezeichnet werden. Angeblich hat die SZ diesen gerade überarbeitet, was ich aber nicht gemerkt habe. Zu stark wendet man sich hier an den privaten Konsumenten statt an die Wirtschaftswelt.

Als Hamburger erschwerend für den Genuß der SZ kommt die regionale Einfärbung der Münchner Lokalzeitung hinzu. Geradezu Sünde ist es, die SZ auch hier oben mit dem dortigen Lokalteil auszuliefern. Und nach drei Monaten SZ glaube auch ich, dass es nur einen Fußballverein mit Bedeutung gibt. Bayern München. Wen sonst.

Wahrscheinlich bin ich aber nur ungerecht und von der FAZ falsch erzogen. Ich werde trotzdem zurück. Nicht weil sie die bessere Zeitung ist. Sondern die vertrautere. Ich habe es nicht besser verdient.

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Bisherige Kommentare

1 | Matthias schrieb am 10.02.08 23:13

Interessanter Artikel mit leider inkonsequenter Schlussfolgerung. Das Zeitalter der Zeitung geht erkennbar zu Ende - warum sich noch länger mit den gedruckten Dingern befassen?

2 | FFD schrieb am 10.02.08 23:31

Gib doch der FTD eine Chance. Feuilleton gibt es da zwar nicht (braucht man irgendwie auch nicht täglich), dafür ist der Wirtschaftsteil Klassen besser, und der Tonfall ist weniger moralisierend und staatstragend. Außerdem hat sie einen leichten Hamburger Einschlag :-)

3 | Stefan schrieb am 11.02.08 10:41

Die alltägliche Unzufriedenheit mit der Tageszeitung kenn' ich nur all zu gut. Ich lese seit 18 Jahren die SZ und frag mich immer häufiger, warum ich das mache. Der Bayernteil ist sowas von dünn, der Wirtschaftsteil in der Tat inhaltlich mickrig und der Sportteil meist eine Katastrophe. Lediglich das Feuilleton und die daran angegliederten Seiten Medien und Wissen sind häufig wirklich interessant. Und natürlich die Meinungsseite, zumindest dann, wenn Heribert Prantl schreibt.
Warum also lese ich die SZ noch? Wegen Heribert Prantl. Und weil ich informiert sein möchte, welche Themen es in den Mini-Bayernteil geschafft haben. Nicht dass das per se die wichtigsten bayerischen Politikthemen wären, sondern weil die Erwähnung eines Themas dieses in der bayerischen Landespolitik adelt.
Aber trotzdem stell ich mir häufig genug die Frage, ob es nicht besser sein würde, die SZ abzubestellen. Die aktuellen Nachrichten bekomme ich im Web deutlich besser geliefert und für die - meist viel wichtigere - Bewertung und Einordnung hab ich ja noch mein gutes altes ZEIT-Abo. Deshalb möchte ich auch Matthias' Schlussfolgerung nicht als allgemein gültig stehen lassen. Das Zeitalter der Tageszeitung, die zum größten Teil nur Agenturmeldungen abdruckt, geht in der Tat zu Ende; Zeitungen aber, die wie die ZEIT auf Bewertungen und Zusammenhänge setzen, werden noch ein langes Leben genießen.

4 | Mark Pohlmann schrieb am 11.02.08 12:44

@ matthias
eine zeitung dient weniger der informationsvermittlung als der selbstvergewisserung. ich will auf eine gedruckte zeitung nicht verzichten müssen. sie ist für mich die geistige nahrung, wichtiger als das frühstück.

@ffd: die ftd wäre schon eine alternative, allerdings war wochenlang unklar, was aus ihr wird. war ein ungünstiger moment, sich für die ftd zu entscheiden, zumal sie deutlich teurer als die faz und sz ist.

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