Gedanken zur LeWeb3

Veröffentlicht am 12. Dezember 2007 um 15:40 Uhr von Mark Pohlmann

Noch ist die LeWeb nicht vorbei, aber sie läuft schon lange genug, um ein paar Beobachtungen mitzuteilen:

1. Die Veranstaltung.
Professionell organisiert, groß, perfekt. Noch besser als im letzten Jahr. Eine gute, entspannte Atmosphäre, viel Zeit und Raum für Gespräche und Kontakte. Phantastisches Essen, selbst ohne Konferenz drumherum. Ich mag auch diesen Soundstyle, der auf Kongressen zunehmend um sich greift. Nach wenigen Stunden hat man begriffen, wofür welche Sounds stehen: Die in den Pausen sind sehr loungig, es wird druckvoll, wenn es losgeht, und rockig, wenn die Redner die Bühne betreten, jubelnd, wenn der Vortrag zuende geht. Ebenso phantastisch: die offenbar funktionierende Live-Übertragung im Internet. Chapeau! Leider in diesem Leben nicht mehr in den Griff zu kriegen scheinen die Probleme mit dem WLan zu sein. Wobei der zweite Tag wesentlich besser als der erste ist, der wiederum ein fast kompletter Totalausfall war.

Mit Paris, so ganz nebenbei, werde ich in diesem Leben nicht mehr warm. Zu häßlich, zu unfreundlich, zu dreckig. Da gibt es geeignetere Konferenzstädte (Stockholm! Kopenhagen! Hamburg!)

2. Die Referenten
Namhaft, die meisten, mythisch, einige. Versavsky, Weinberger, Searls, Starck. Klasse. Aber irgendwie auch viele doch sehr bekannte Gesichter. Durchweg bühnenerfahren, unterhaltsam und oft auch inspirierend. Einige, wie Hans Rosling, sind so frei, sich um das Thema überhaupt nicht zu scheren, sondern irgendwelche auch irgendwie interessante Charts über die Entwicklung des Bruttosozialproduktes von Schweden in den letzten 300 jahren zu zeigen. Aber: Wenn Loic Lemeur ruft, kommen alle gerne. Ein großes Verdienst und ein tolles Geschenk für Frankreich. Wir haben vergleichbares in Deutschland nicht.

3. Die Referate
Und hier spätestens setzt die erste vorsichtige Kritik ein. Der Nährwert der Vorträge ist äußerst dünn, wenn es um die praktische Verwertbarkeit geht. Natürlich ist es inspirierend zu hören, dass - und wie - sich die Wissensgesellschaft durch Vernetzung verändert. Aber die in den Vorträgen getroffenen Aussagen sind mittlerweile nicht mehr neu, die Belege oft dürftig und sehr selbstreferenziell.

4. Die Teilnehmer
Es ist ein sehr homogenes Volk hier vertreten: Jung, Internet-Addicted, Start-up-organisiert. Bei der Frage, wer Twitter benutzt, hoben ca. 90 Prozent die Hand. Hier herrscht Besuchermonokultur. Das hier, das ist die Digitale Boheme, und zwar zu fast 100 Prozent. Andere sagen Geeks dazu oder auch Nerds. Das beweist auch, wie viele VCs da sind, und wieviele Gespräche sie haben. Ich habe 10 min mit Marc Samwer gesprochen, während derer er glaube ich vier Gespräche mit Start-ups vereinbarte. Und es sind sehr viele VCs.

Interessanter als die, die da sind, sind die, die nicht da sind. Es fehlen: Die klassische Wirtschaft, die Marken, die Industrie als solche. Sie glänzen durch komplette Abwesenheit. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die LeWeb3 zu recht als eine der wichtigsten europäischen Internetkongresse gilt. Wenn nicht hier, WO DANN?

5. Die Learnings.
Gering. Einige werden jetzt sagen, das sei nicht der Sinn eines Kongresses. Wahrscheinlich. Aber ich vermisse drei Dinge, die wir alle dringend brauchen:

a. Funktionierende Geschäftsmodelle. Sie wurden auch auf der LeWeb3 mehrfach verlangt. Keiner konnte liefern.

b. Überzeugende Beweise, dass im Internet nicht nur Geeks für Geeks produzieren. Wir MÜSSEN raus in die Mitte der Gesellschaft mit unseren Systemen. Die Mitmachsysteme funktionieren. Technisch. Bei uns. Vom Interface. Aber sie sind kulturell noch zu isoliert. Um eine wirkliche gesellschaftliche Relevanz der sozialen Systeme zu erhalten, brauchen wir die Frisörin um die Ecke genauso wie den Schriftsteller und Wissenschaftler. Wann endlich schaffen wir es, diejenigen in den Bann der Möglichkeiten zu ziehen, wann verstehen sie, wie sie hiervon profitieren können, wie die hier anwesende technik- und innovationsverliebte Klientel es tut?

Bezeichnend hierfür ist der Vortrag von JP Rangaswami von der British Telecom. Er sagt, dass die Kultur der Unternehmen nur von unten, von allen verbessert werden kann. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass er und seine Generation dies schaffen werden. Es sollen die Jüngeren richten. Dies ist auch eine Art der Resignation. Und wenn man sich ansieht, wie wenige Unternehmen aus der reinen Beobachtung der medialen Veränderung ins Machen kommen, einfach, weil sie es rein vom Wettbewerb her noch nicht müssen, bekommt man eine Ahnung davon, wie weit der Weg zu einer wirklich vernetzten Gesellschaft tatsächlich noch ist. Noch sind wir erst ein vernetztes Milieu.

c. Das Wesentliche: Mehrwert.
Um den Prozess der milieuübergreifenden Vernetzung zu beschleunigen, ihn überhaupt möglich zu machen, müssen wir uns noch stärker auf Mehrwerte konzentrieren. Skype war ein riesiger Mehrwert, YouTube war einer, Open Social wird es werden. Aber die meisten Unternehmen, die ich hier auf der LeWeb gesehen habe, wollen gar keine Mehrwerte anbieten, sondern von Trends profitieren. Wenn diese Beobachtung stimmen sollte, haben wir nicht nur einen neuen Hype, sondern wir haben auch wieder ein Problem.

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Bisherige Kommentare

1 | Olafkolbrueck schrieb am 12.12.07 16:00

Warum Marken, warum Unternehmen kaum bei solcherlei kongressen sind? ich schätze, du gibst die antworten selbst: dünner Nährwert, weniger neues, geringe learnings. Warum sollen sie sich also in die Meute werfen und von allen seiten belagert werden? Soll die digitale boheme doch zu ihnen kommen. Den weiteren wichtigen grund beschreibst du an andere stelle in anderem zusammenhang sehr gut: "...weil sie es rein vom Wettbewerb her noch nicht müssen..."
Der Markt, ihr Markt verlangt von Ihnnen zumeist nicht, soweit vorne zu sein wie die digitale boheme.

2 | Martin Koser schrieb am 12.12.07 16:46

"Er sagt, dass die Kultur der Unternehmen nur von unten, von allen verbessert werden kann. Gleichzeitig glaubt er nicht, dass er und seine Generation dies schaffen werden. Es sollen die Jüngeren richten. Dies ist auch eine Art der Resignation."

Richtig, das Abwarten bis dass die jüngere Generation ins Unternehmen eintritt sollte für vorausschauende Manager keine Option sein.

Zur Resignation besteht eigentlich auch kein Anlass - JP hat ja selbst bewiesen, dass mit Enterprise 2.0 auch in großen Unternehmen (und in eigentlich "innovationsunverdächtigen" Branchen) einiges in Bewegung kommen kann. Vielleicht sind Kulturveränderungen auch nur schlecht sichtbar weil sie mehr unter der Oberfläche ablaufen - aber sie verändern den "Modus Operandi" eben doch.

Und schließlich denke ich auch dass Veränderungen manchmal ganz schnell kommen müssen und werden - bspw. dann wenn die Konkurrenz mit den neuen Werkzeugen schneller und effizienter arbeitet ... dann werden aus "Spielzeugen der Innovationsgeeks" schnell Standardinstrumente.

Wollen wir wetten dass bspw. Wikis das innerhalb der nächsten zwei Jahre werden?

3 | Michael Reuter schrieb am 14.12.07 14:39

Dem Lob zum Essen muss ich mich unbedingt anschliessen - nie habe ich auf einer Konferenz so geschlemmt wie auf der LeWeb,

Als Kritik zu Deinem Punkt "Die Referate":
Zum einen schien die Auswahl der Moderatoren auf Basis eines "Wen mag ich?" stattgefunden zu haben. Bis auf 1-2 Ausnahmen sind diese einer Moderatoren-Funktion nicht nachgekommen und haben stattdessen themenferne Fragen gestellt und selbst viel zu viel (über sich selbst (selbstreferentiell - Du erwähntest es)) geredet. Mein Tip: Moderatoren aussuchen, die ihr Geschäft beherrschen. (Von Unternehmern wird das schliesslich auch verlangt ;-)

Zum anderen hast Du anscheinend nicht die Präsentation von Jason Calacanis gesehen. Sie war
- exakt so lang wie das angedachte Zeitbudget
- total spannend
- voll mit wertvollen Informationen und
- äusserst poinitiert aufgezogen; d.h. eben nicht nach dem "Wir sind alle Web 2.0 und mögen uns"-Motto.

Mein persönliches Fazit: Erstklassiges Essen, sehr gute Gespräche, gute Referenten und schwache Moderatoren lassen Freude für nächstes Jahr aufkommen.

4 | Harald Mueller schrieb am 15.12.07 15:16

Du schreibst "Es fehlen: Die klassische Wirtschaft, die Marken, die Industrie als solche. Sie glänzen durch komplette Abwesenheit. Dies ist umso erstaunlicher, als dass die LeWeb3 zu recht als eine der wichtigsten europäischen Internetkongresse gilt. Wenn nicht hier, WO DANN?"
@Olaf: Ich bin überzeugt dass das Gegenteil der Fall ist. Wir haben es einfach (noch) nicht geschafft den Marken in vollem Umfange den Nutzen versch. Web-Dienste klar zu machen. Auch sind HORIZONT und W&V (print + online - ohne blog(s)) dabei keine grosse Hilfe.
Aber wir können das ja nachholen. Bringt Marcel dazu bei der DLD mehr den Fokus dorthin zu lenken.

5 | KMTO schrieb am 18.12.07 9:37

Nachtigall, ick hör Dir trapsen - 2008 wird das Jahr nach der "Frage der wirtschaftlichen Bedeutung des Web 2.0". Inhaltich, organisatorisch, ökonomisch. Auch hier kann man vom Web 1.0 lernen.

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