Der Kampf gegen die eigenen Leser

Veröffentlicht am 12. Dezember 2007 um 13:53 Uhr von Mark Pohlmann

Interessant, wie sich Süddeutsche und FAZ die Bälle gegenseitig zuspielen, um sich gegen den Meinungsmob aus dem Internet zu positionieren. Nachdem Schirrmacher sich zuende aufgeregt hatte, kam am Wochenende Bernd Graff um die Ecke gebogen, in dem er sich Sorgen um das Medium an sich und die Menschheit im allgemeinen machte, weil das Internet zu einem "Debattierclub" verkomme. Er kann argumentieren, wie er will, mir zeigt er nur sein Unverständnis für die sich verändernde Medienlandschaft, die aus einer vermeintlichen Position der Stärke daherkommt, weil die SZ in letzter Zeit an Auflage gewinnt. So schnell am Ende sind wir noch lange nicht! höre ich da aus seiner stolzgeschwellten Brust. Egal, lest den Artikel, ich kann mich nicht mehr ausreichend aufregen, sondern an dieser Stelle nur beschließen, das SZ Probeabo nach drei Monaten nicht zu verlängen.

Die Verlage sollten beginnen darüber nachzudenken, dass sie mehr Leser online als offline haben. Zwei von drei in Deutschland angesteuerten Webseiten bieten mittlerweile die Möglichkeit zur Partizipation, jeder gottverdammte Online-Nachrichtendienst bietet Kommentare an. Wer diese Form der Anteilnahme nicht möchte, soll sie schließen, aber nicht, wie FAZ und SZ, es anbieten und selbst öffentlich darüber zetern. Diese Verlage wünschen sich wahrscheinlich genauso andere Leser wie Politiker bessere Wähler.

Zurück zur FAZ. Die antwortet auf die Graffschen Attacken ambitioniert, wie ich finde:

In Blogs mag jeder meinen, denken, toben, lästern, so wie am Tresen oder zu Hause. Mit den Massenmedien selber ist aber ein ganzes System entstanden, das beanspruchte, die öffentliche Meinung selbst zu pflegen. Und die Journalisten wurden zur ersten Berufsgruppe, die beanspruchte, aus der Rolle des Publikums selber einen Beruf zu machen. Zuvor bestand das Publikum aus Laien, jetzt sollte es professionelle Laien geben. Kein Wunder, dass daran sofort Kritik geübt wurde, vor allem die, der Journalist ermittle und verdichte die öffentliche Meinung weniger, als dass er sie selber mache.

Dennoch macht auch Jürgen Kaube wie noch alle anderen Journalisten den fundamentalen Fehler, zu denken, dass alle Meinungsaktiven sich als Gegenentwurf zum Journalismus sehen. Dies kennzeichnet die medieneigene Paranoia vor den Mitmachmedien auf das vortrefflichste: Dass es gegen sie geht, nur weil sie nicht davon profitieren. In Wirklichkeit habe ich noch nicht einen getroffen, der denkt, dass mit seinem Blog, mit seinen Kommentaren die Medienöffentlichkeit in Gefahr steht. Niemand will das, niemand behauptet das. Nur von Journalisten selbst wird dieses Feindbild gepflegt. Hören wir auf mit solchen Albernheiten.

Dies ist umso absurder, als dass die Blogosphere in Deutschland so unterentwickelt ist wie kaum in einem anderen Land. Das hat auch seinen Grund darin, dass es hier eine starke Medienlandschaft gibt. Die Notwendigkeit zur Gegenöffentlichkeit ist da, aber nicht so drängend wie in vielen anderen, medial viel ärmeren Regionen.

Die Wahrheit ist, dass Meinungen um ihrer selbst Willen publiziert werden. Weil die eigene Sicht der Dinge nunmal nicht unbedingt ein Korrektiv, aber eine Ergänzung zum bestehenden Meinungsbild ist. Es ist ganz trivial. Wer eine Meinung hat, geht ins Internet und publiziert sie da. Warum? Weil wir es hier können.

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Bisherige Kommentare

1 | Claudia schrieb am 12.12.07 20:53

Wie so oft sprichst Du mir aus dem Herzen und glaube mir diese Debatten kenne ich mittlerweile zu Genüge... ;o)

Meiner Ansicht nach ist es so: Entweder man spielt mit oder man läßt gleich die Finger von der Partizipation. Nur ein bisschen, wenn es einem passt geht halt nicht.

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