Körperkontakt
Veröffentlicht am 7. November 2007 um 13:18 Uhr von Mark Pohlmann
Es passiert soviel, es gäbe soviel zu schreiben... Facebook, Open Social, gPhone, Qype, Docinsider, DerWesten, Dawanda, Carmondo - überall geht es voran, werden Pläne geschmiedet, Erfahrungen in Produkte gegossen. Es ist eine schöne Zeit und eine gute Sache, mit dabei zu sein.
Gleichzeitig leidet dieser Blog, fehlt nach wie vor eine neue Website und vieles mehr, das Reflexion erfordert, kommt zu kurz. Verführerischerwise hat die Welt stattdessen beschlossen, ihr Leben auf dem Konferenzkarussel zu verbringen, das sich immer weiterdreht: Nach dem IWK / München, Versandhandelskongres / Wiesbaden diese Woche die Web-2.0-Konferenz in Berlin, Münchner Medientage und nächste Woche SIME in Stockholm. Und immer wieder vertraute Gesichter, vertraute Themen, aber eben auch: neue Kontakte, neue Gedanken, neuer Tatendrang. Jeder kennt jeden aus dem Internet: Der eine bloggt, die da hat einen Online-Shop, hier ist die Start-up Fraktion. Dennoch ist das physische Treffen in digitalen Zeiten so wichtig wie nie. Erst im Angesicht entscheidet sich, ob aus einem losen Umeinander Wissen ein fester Knotenpunkt im eigenen Netzwerk wird. Ob aus Interesse Vertrauen wird.
Wie stark die Netzwerke durch das Internet beschleunigt werden, wie gut Offline und Online harmonieren, beweist mir eine seit langen Jahren vertraute Person, die sich für eine lange Zeit aus dem Internetgeschäft verabschiedet hat, geschrieben hat, sich im Theater verdingt hat und erst zaghaft und recht lustlos über kleinere Projekt den Weg zurück in die Internetwirtschaft gefunden hat.
Diese Person kennt innerhalb der Internetwirtschaft heute jeder, der sich mit der Dynamik von Netzwerken auskennt. Denn diese Person publiziert in einem Blog und über Twitter. Sie ist innerhalb von rund vier Monaten zu einer festen Komponente dieser Szene geworden, sie spricht auf Konferenzen, erhält Aufträge und lebt ihre Lust an der Vernetzung für alle Beteiligten gewinnbringend aus. Vier Monate reichen heute, um ein Netzwerk von rund 200 Personen zu errichten, die alle wissen, wer diese Person ist, was sie denkt, was sie kann, wen sie schätzt und: wo sie gerade ist. Nur wenige werden sagen, dass sie mit dieser Person befreundet sind, aber sie alle freuen sich, sie zu sehen.
Deswegen ist das Internet so faszinierend: Weil es heute Kontakte knüpft, wo gestern keine waren und weil es die realen Aufeinandertreffen intensiviert. Weil man über digitale, halböffentliche Systeme Teil einer Gruppe ist, in der der einzelne als Individuum wahrgenommen, wertgeschätzt wird. Weil man immer dabei ist, auch wenn man nicht da ist. Und weil man sich kennt, wenn man sich sieht.
Eigentlich ist es so wie immer: Die Gruppe ist die wohl mächtigste Institution der Menschheit. Wir werden hier noch viel erleben, auch online. Und nicht alles wird so harmlos und heiter bleiben, wie es derzeit ist. Genießen wir den digitalen "Summer of Love", wie Tim O'Reilly es in Berlin nannte, aber nicht verstanden wissen will. Für ihn ist das Web 2.0 eine riesige Effizienzmaschine. Aber die meiste Effizienz wird wohl wirklich auf der emotionalen Ebene geschaffen. Wer hätte das diesen häßlich-beigen Kisten jemals zugetraut?


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