Die Krise der Zeitungen

Veröffentlicht am 15. Oktober 2007 um 9:37 Uhr von Mark Pohlmann

Hier mal etwas ganz persönliches. Ich habe nach 15 Jahren mein FAZ-Abonnement gekündigt. Auslöser, nicht Grund, war das aktuelle Redesign der Print-Ausgabe..

faz_print.png

In kurzen Worten hier die Begründung: Zeitungen sind im besten Falle eine intellektuelle Heimat. Wer mit bunten Bildern, weichgespülter Frakturschrift und immer poppigeren Themen zu verstehen gibt, dass er seiner eigenen Klientel nicht mehr traut, macht sich austauschbar. Genau dies passiert der FAZ. Manch einer mag jetzt einwenden: "Ja, aber es doch nur das Layout". Das ist so richtig wie falsch. Denn erstens verschiebt sich der Schwerpunkt der Berichterstattung Richtung Bild. Für Bilder brauche ich nicht die FAZ, das können andere auch ganz gut. Zweitens: Für jedes schnell reingeschwurbelte Bild (und gleich das erste am ersten Tag war so eines: zum Tod von Walter Kempowski ein altes Portraitbild von ihm, so, wie es seit Jahrzehnten überall auf Buchrücken prangt) muss ein Artikel weichen. Dazu gibt es mehr Weißflächen. Es ist einfach weniger Text pro Seite in der Zeitung. Wer die neue FAZ mit einer vor sagen wir, fünf Jahren, vergleicht, wird den Unterschied bemerken. Drittens: ist das Design die äußere Form einer inneren Haltung. Und die gibt die FAZ nicht nur stückweise, sondern entschlossen auf.

Der Auslöser für das Redesign ist nicht trivial. Die Zeitung verliert Auflage, besonders gegenüber der Süddeutschen. Das schmerzt. Deswegen hat sich die FAZ wohl entschieden, lieber potentiellen Neulesern hinterherzulaufen als denen gegenüber loyal zu sein, die bislang die Zeche zahlen. Das, liebe FAZ, ist der falsche Weg. Dann, liebe FAZ, müßt ihr mit den Konsequenzen leben. Wer austauschbar sein will, weil er den Erfolg von anderen kopieren will, wird selbst ausgetauscht. Ich werde mal ein bisschen vagabundieren, mir mal die Süddeutsche abonnieren, vielleicht auch die FTD oder den Tagesspiegel. Mal schauen.

Klar ist aber auch, dass bei aller digitalen Boheme ich nicht auf die Zeitung in gedruckter Form verzichten werde.

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Das neue Webportal soll morgen nach der bereits modifizierten Print-Version gelauncht werden. Ich gehe davon aus, dass die Betonung der journalistischen Qualität zur Folge hat, dass Kommentare der Redaktion der Aktualität der Beiträge zu... [Weiter lesen]

Bisherige Kommentare

1 | Arno Klein schrieb am 15.10.07 10:37

Was hat sich denn am Layout von FAZ.NET abgesehen von kleineren Details seit dem Livegang vor vielen Jahren verändert? *verwirrt*

2 | Mark Pohlmann schrieb am 15.10.07 11:25

der rückfall auf 800 pixel?

3 | Cord schrieb am 15.10.07 12:11

ist die renaissance der 800er breite nicht eine folge des großen erfolgs von wallpaper bannern? siehe spon.

4 | björn schrieb am 15.10.07 12:45

kann da auch keinen signifikanten unterschied feststellen.

was die printausgabe angeht bin ich vom redesign oder wie man es immer formulieren möchte ebenfalls enttäuscht. zumal man beispielsweise durch beibehaltung der frakturschrift über den kommentaren den charakter in eine modernere version hätte übertragen können...

naja, bleib ich eben bei der FAZ am Sonntag ;)

5 | Mark Pohlmann schrieb am 15.10.07 16:44

dreispaltig auf 800 pixel? 225 Zeichen für die zweite Meldung? FAZ-Umfragen gleich im sichtbaren Bereich? 25 Rubriken in der Topnavigation?

jungs, wo ist eure digitale medienkompetenz geblieben?

6 | Arno Klein schrieb am 15.10.07 18:48

FAZ.NET hatte schon immer 800 Pixel Breite. Daran hat sich in den fünf, sechs Jahren seit dem Livegang nie was verändert.

Aber Du hast Recht: die Seite könnte tatsächlich mal einen kleinen Relaunch vertragen. Die sieht mittlerweile ziemlich zusammengeflickt aus und entspricht nicht wirklich den Ansprüchen an eine Nachrichtenseite 2007.

7 | Mark Pohlmann schrieb am 15.10.07 21:50

@arno. du musst es ja wissen ;-) aber da war doch mal rechts ein content-kanal, der ist weg. oder irre ich mich?

8 | Holger Schmidt schrieb am 15.10.07 22:21

Also: Die 800 Pixel Breite haben wir seit Jahren; einen "Content-Kanal" rechts auf der ersten Seite gab es nie; am Layout haben wir in den vergangenen Monaten nichts geändert, weil wir an einem Relaunch arbeiten, der auf der OMD auch schon gezeigt wurde. Dann werden wir breiter und moderner und finden hoffentlich Gnade in den Augen von Mark Pohlmann und Arno Klein ;-) Gruß, Holger Schmidt

9 | Martin Oetting schrieb am 16.10.07 0:01

Mark, dass Du deswegen das Blatt aufgibst, ist für mich aus zwei Gründen erstaunlich: 1.) hätte ich Dich nicht als FAZ-Leser einsortiert, und 2.) nicht als einen, der wegen neuem Look abwandert. ;-)

10 | Mark Pohlmann schrieb am 16.10.07 9:41

ok, wenn Herr Schmidt das sagt, dann will ich das mal sofort glauben und das Gegenteil behaupten. Aber ich war mir sicher, dass dort, wo jetzt die Werbung steht, gestern noch Content war...

Anyway, ich lasse meine Anklage gegen die Website sofort fallen, bleibe aber bei meinem Frust mit dem Blatt.

11 | Mark Pohlmann schrieb am 16.10.07 9:57

@martin: bin halt ein konservativer schluffen, manchmal wundert man sich!

@holger schmidt: hätten sie mal einen screenshot von so um den launch des aktuellen designs?

12 | Arno Klein schrieb am 16.10.07 10:32

@ Mark:

http://helfert.de/screendesign/html/referenzen_sub_html/ref_online.html

Schau mal hier. Der dritte Punkt von oben "FAZ.NET" - so sah's beim Livegang aus.

13 | Björn schrieb am 17.10.07 11:18

screenshot vom relaunch findet sich bei mercedes...

http://innenansichten.tagesspiegel.de/?p=51

14 | as schrieb am 26.10.07 18:43

Also ich habe noch ein paar Entwurf-Screens aus 1996 vom ersten FAZ Design... "Damals" war die FAZ die letzte grosse Zeitung, die noch nicht im Internet vertreten war. Was immer das bedeutete in dieser Epoche;-) Man sträubte sich in FFM vehement gegen die Idee ins Internet zu gehen. "Wir lesen unsere Nachrichten ja auch nicht im Radio vor..." Im Hause FAZ war kein Internetanschluß vorhanden und Entwürfe wurden als Ausdrucke mit Boten overnight von Berlin verschickt... Ich könnte da Geschichten erzählen - aber die Höflichkeit verbietet es;-).
Irgendwann mal am Webworkerlagerfeuer in 10 Jahren.

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