Die ignorante Elite
Veröffentlicht am 17. September 2007 um 18:15 Uhr von Mark Pohlmann
Wenn es eine Zielgruppe gibt, die von den Möglichkeiten des Web 2.0 rege Gebrauch machen sollte, dann ist dies die intellektuelle Elite des Landes, also Wissenschaftler, Künstler, Autoren, Philosophen, meinetwegen auch Politiker. Sie alle haben eine Botschaft, sie alle leben von einem gewissen Kult um ihre Person, von dem sich-ins-Gespräch bringen. Dies ist nirgends so effizient umzusetzen wie über das Internet. In weniger als einer Stunde ist eine Seite eingerichtet, die jede Botschaft zu Nullkosten in Sekunden über die Welt verbreitet, von jedem recherchierbar, wahrnehmbar, aufnehmbar und diskutierbar. Und wir wiederum würden von ihnen profitieren: Indem die Vielfalt des Denkens, der Informationen, Meinungen und öffentlichen Diskurse an Reichweite, Aufmerksamkeit und inhaltlicher Tiefe deutlich gewinnen würde. Win-Win nennen wir Marketer sowas.
Allein, die Realität ist eine andere. Dankenswerterweise hat Robert Basic (mal wieder!) eine Diskussion aufgenommen, die offenbar von Marc Scheloske in der Wissenswerkstatt angezettelt wurde. Robert listet mal als Zeichen der Hoffnung die 20 bekanntesten bloggenden Wissenschaftler auf. 40.000 Professoren soll es in Deutschland geben. Und 20 davon führen webbasierte Zwiegespräche mir der Außenwelt.
Alleine dies muss man sich mal vor Augen führen: Ein Softwareentwickler (Robert B.) hat mehr Diskursqualitäten als die ganze Wissenskaste zusammen! Übrigens ist die sich um diese Liste spinnende Diskussion äußerst spannend zu beobachten - weil sich vor allem Jungakademiker zu Wort melden, deren Forumulierungsfreude schon sichtbar anders ausfällt als der sonst in Blogs bekannte Ton...
Zu dem Thema passt, dass sich Burda gerade in Scienceblogs eingekauft hat. Auf der Plattform schreiben laut FAZ-Bericht derzeit 65 Blogger über Wissenschaftsthemen wie Klimawandel, Medizin oder Biologie. Zielgruppe sind keine Fachleute, sondern die interessierte Öffentlichkeit. ScienceBlogs nennt 1,7 Millionen Besuche im Monat, was sehr, sehr viel wäre - auch wenn die Rate der Vielfachbesucher die Reichweite wahrscheinlich nochmal deutlich nach unten korrigieren wird. Burda plant, die wissenschaftliche Blog-Plattform jetzt auch nach Deutschland holen.
Zurück zum Thema, warum so wenige, die es könnten, tatsächlich über ihr Wissen bloggen oder es anderweitig zur Mehrung des eigenen Ruhms nutzen: Da es immer viele Gründe gibt, Dinge NICHT zu machen (die sich alle auf den Faktor "war mir nicht wichtig genug" reduzieren lassen), läßt der augenblickliche Stand nur eine Schlussfolgerung zu: Für akademische / intellektuelle Karrieren spielt der Grad der selbst inszentierten Öffentlichkeit nach wie vor keine Rolle. Es wird also nicht als Defizit wahrgenommen, nicht online präsent zu sein. Wichtiger ist immer noch die klassische, "fremdbestimmmte" Öffentlichkeit über klassische Publikation in anerkannten Fachzeitschriften. Hier bleibt man schön unter sich.
Das wiederum kann nur heißen, daß öffentliche Diskurse noch nicht im Internet angekommen sind. Wären sie es, wären auch die Meinungsmacher hier. Das Verschulden ist also beidseitig: Die Elite verkennt ihre Chancen, wir, ihre Leser und Interpretierer, verkennen unser eigenes Potential, Diskurse ins Internet zu holen. Hierhin gehört der immer wieder vorgebrachte Vorwurf an uns selbst (als die Internet-Avantgarde, wenn man so will), zu sehr im eigenen Saft zu schmoren. Wir kümmern uns zu wenig um gesellschaftliche Themen, und wenn, dann nur soweit, wie sie unsere eigenen Themen berühren. Meinungsfreiheit, Datensicherung, Antiterrorgesetze mögen hier als Beispiele reichen. Es gibt also noch viel zu tun, bis die Kraft des Internets sich auch als gesellschaftliche Kraft entfalten kann.
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