Noch Boom oder schon Blase?

Veröffentlicht am 1. August 2007 um 12:56 Uhr von Mark Pohlmann

Nur eine kurze Anmerkung zu den ständigen Diskussionen darüber, ob es zuviel Web 2.0 und zuviele Startups gibt und wo denn das ganze Geld herkommt und hingeht: Ja, wir sind (endlich!) wieder in einer Interneteuphorie, und, ja, es gibt viele Anzeichen dafür, dass es zu den üblichen begleitenden Übertreibungen kommt. Die Reifephase des Web 2.0 - in die wir so langsam kommen - deckt sich in vielem mit der Dramaturgie des Web 1.0, die ja bekanntlich in einer ziemlichen Bruchlandung endete.

Aber stimmt das überhaupt? Was geplatzt ist, sind die Börsenphantasien. Nichts anderes. Nutzer, Umsatz, Werbeeinnahmen, Online-Zeit und Relevanz - alles steigt wie mit einem Strich gezogen seit 10 Jahren an. Nur die Gier, wie und wieviel Geld zu verdienen ist, muss immer mal wieder relativiert werden. Dies ist 2001 geschehen und wird sich sicherlich noch oft wiederholen. Das alles hat aber mit dem Platzen einer Blase aber nichts zu tun. Und nun *kram*... die Fakten:

- Die Internetnutzung ist heute um den Faktor vier höher als vor sechs Jahren (15 Prozent der Bevölkerung zu 60 Prozent heute)
- Die Kosten für einen Internetanschluss haben sich auf ein Viertel reduziert, dafür ist die Übertragungseschwindigkeit um den Faktor 10 bis 100 gestiegen. Das alles verdanken wir DSL. Ohne DSL wäre ich wahrscheinlich heute PR-Berater einer Versicherung.
- Die Kosten für den Aufbau und Betrieb einer Website haben sich ebenfalls dramatisch reduziert. Das Ergebnis: Auch die Kosten für ein Startup sind deutlich gesunken - ganz grob kalkurliert auf ein Zehntel (100.000 Euro sind heute das, was 1 Mio. vor sechs Jahren waren).
- Dafür sind die Umsätze im Internet und die Markteinteile ebenfalls dramatisch gestiegen (Zahlen habe ich jetzt nicht im Kopf, am besten mal Jochen Krisch fragen).

Das Geld für die ganzen Startups und Copy-Cats kommt heute fast ausschließlich aus der Privatwirtschaft und nicht mehr aus Aktionärshand - damit ist das Risiko eben auch zu 100 Prozent dort, wo es hingehört: In Investorenhand. Und was die machen, kann uns entweder egal sein oder sollte unser Auge erfreuen, denn Qype, Dawanda & Co. gäbe es ohne sie nicht.

Die Losung lautet derzeit:
Geringe Markteintrittsbarrieren > hohe Aufmerksamkeit > viele versuchen es > Marktvielfalt mit unterschiedlicher Qualität (hier sind wir) > die Besten setzen sich im Wettbewerb durch > hohe Qualität für den Kunden

Vielfalt ist eben das beste Geschenk, das sich eine konsumlastige Industrienation wie unsere machen kann. Freuen wir uns über die ganzen "Wannabees", ist doch schön. Die Richtigen werden es schon schaffen.

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Bisherige Kommentare

1 | Jochen Hoff schrieb am 1.08.07 16:15

Du hast recht und machst nur einen Fehler. Die Verluste werden abgeschrieben und wirken somit steuerverkürzend. Das bedeutet das wir alle den Wahnsinn bezahlen.

2 | Martin Oetting schrieb am 2.08.07 10:48

Aber wenn's klappt, dann entstehen Arbeitsplätze. Wenn dafür ein paar Leute mit ein paar Euro Steuern sparen, dann ist das doch vertretbar.

3 | Martin Recke schrieb am 2.08.07 12:01

Außerdem kann nur derjenige Geld investieren und Risiken eingehen, der auch welches verdient (und also Steuern zahlt). Ohne Investitionen und Risiko würden wir uns in einer völlig statischen Wirtschaft befinden.

4 | Cornelia schrieb am 2.08.07 17:10

Also - ich find das schon heiss, zu sagen, dass die Allgemeinheit die Startups finanziert, weil Verluste abgeschrieben werden können. Gerade in dem Bereich würde ich behaupten, dass niemand eine Firma gründet, um auf Dauer Verluste zu schreiben. Und sobald Gewinne da sind, werden auch Steuern gezahlt.
UND btw - Verluste entstehen, weil von dem Geld Programmierer, Anwälte, Agenturen, Steuerberater, Mitarbeiter etc. bezahlt werden - die das ganze dann als Einnahmen versteuern müssen. Also - 'tschuldigt meine Wortwahl - aber das Statement ist Quark.

5 | Mark Pohlmann schrieb am 2.08.07 17:51

@ cornelia: danke, ganz meine meinung.
@ jochen haff: beteiligungen (und die damit verbundenen verluste) sind investitionen wie in eigene mitarbeiter, eine bohrmaschine oder einen lastwagen. hier wird in menschen, know-how und neue märkte investiert und niemand sonst belästigt oder um subventionen angepumpt. ich kann nichts verwerfliches daran entdecken.

6 | doctea schrieb am 5.08.07 10:10

Sehr treffend formuliert. Allerdings: Die aus den USA herüberschwappende Banken- und Immobilienkrise könnte auch in Deutschland schwer wiegende Folgen haben. Das gibt womöglich auch Probleme in der Web 2.0-Finanzierung...

7 | ralf.doller schrieb am 19.09.07 8:32

Das mit der Finanzierung von Häusern zu vergleichen, ist Quatsch, denn die Banker wussten schon immer vom Risiko falscher Finanzierung... Der momentane Web2.0-Hype ist gut, denn langsam bekommen auch mittelgrosse Marken mit, was im Web abgeht und sind bereit, mit den Kunden einen neuen Umgang zu pflegen, dh. sich für Meinungen, Votings und Ratings zu öffnen.

8 | nando schrieb am 30.10.07 14:17

Hallo,

wieso Web 2.0 ? alles Hausgemacht.
Ein Großteil spricht bereits vom
3.0 Web, ob es zu früh ist darüber
nachzudenken ?

Nando
_______________
20weblog.com

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