Abgesang auf die E-Mail

Veröffentlicht am 13. Juli 2007 um 10:16 Uhr von Mark Pohlmann

Themen liegen in der Luft, wenn man merkt, dass andere, in diesem Falle Klaus Eck, schneller waren: E-Mails kosten Zeit und bringen wenig. Warum eigentlich?

Zum einen ist da natürlich das schiere Mengenproblem. Die Mühe, aus den hunderten Mails täglich die wenigen wirklich wichtigen herauszuschälen, nimmt weiter zu. Da ist nicht nur Spam, der wahrgenommen und vernichtet werden will, sondern vor allem auch die ausufernde "Zur Information"-Kultur. Unschuldige Menschen werden Zeugen vollkommen unwichtiger Konversationen, deren Inhalt sie alleine deswegen wahrnehmen sollen, weil sie ja auf "Carbon Copy", also "CC" gesetzt sind. Und drittens sind da die netteren Dinge, die aber auch Zeit rauben, also eher in Richtung privater Gespräche gehen. Klaus Eck verweist zurecht auf den Zeit-Artikel "Fluch der Unterbrechung". Wer unterbrochen wird, wendet sich nach dieser Unterbrechung erst einmal für rund 25 Minunten anderen Aufgaben zu, bevor er dort weitermacht, wo er inhaltlich vorher eigentlich war. Und wir werden alle 11 Minuten von E-Mails unterbrochen. Sie sind also Gift für die Produktivität.

Blogs

Doch es gibt noch einen anderen Grund gegen die Mail: Die Kultur der Öffentlichkeit. Was ich einem erzähle, ist sicher für viele andere auch interessant, die mich kennen und meine Meinung (hoffentlich) schätzen. Warum also nicht alle, die es interessiert, daran teilhaben lassen? So wie dieser Text zum Beispiel. Den könnte ich allen meinen Kontakten per Mail schreiben, sie bei der Arbeit unterbrechen und mit Gedanken verwirren, die derzeit nicht die ihren sind. Oder ich kann warten, bis sie sagen: Mal sehen, was der Pohlmann so treibt, ich geh mal auf seinem Blog. Und dann lesen sie, dass ich mir Gedanken über Mails und die Alternativen mache. Wer keinen dieser Gedanken verpassen will, abonniert sich die Beiträge über das sog. RSS auf eine persönliche Website und muss sich fortan nicht einmal die Mühe des Surfens machen.

Wer gerne den öffentlichen Diskurs mag, also nichts dagegen hat, dass sich andere einschalten, weil das Gespräch so lebendiger und facettenreicher wird, der sollte über einen eigenen Blog nachdenken. Hier kommt all das hin, was man selbst so interessant findet, dass man es schriftlich festhalten möchte. Blogs funktionieren wunderbar als eigene Gedankenstütze und Gesprächsangebot für Dritte, die an den gleichen Themen hängen wie man selbst. Wer was zu sagen hat, bloggt. So einfach ist das.

Instant Messenger

Den Kontakt mit seinen Freunden und Bekannten halten sog. "Instant Messenger" (IM), für mich eine Art schriftliche Telefonate. Ich nutze Google Talk oder Skype. Hier kann ich nur Leute ansprechen, die mich als Kontakt bestätigt haben. IMs sind lustig, weil richtig in Echtzeit funktionieren. aber auch zeitraubend. Man sollte sie sparsam einsetzen, dann machen sie aber auch ungleich mehr Spaß als E-Mails.

Twitter

Der dritte im Bunde, ganz frisch, aber schon nicht mehr wegzudenken: Twitter. Twitter ist eine Art öffentliche SMS. Hier schreibt man kurz auf, was man gerade macht. Auch hier werden in der Regel nur die Kurzmeldungen derjenigen abonniert, die für einen selbst interessant sind. Wenn man also gerade wissen will, was einer von diesen Leuten macht, der schaut kurz bei Twitter rein, gibt selbst eine Wasserstandsmeldung ab, kann auch hier ein wenig plauschen ("chatten") und widmet sich danach wieder dem Eigentlichen. Twitter ist größtenteils harmlos, manchmal informativ und überraschenderweise auch schonmal richtig nützlich. Beispielsweise ist es beruhigend zu lesen, wenn jemand kurz meldet, dass seine Jordanien-Reise gut verläuft.

Social Bookmarks

Ein weiterer anerkannter Weg, unkompliziert über seine Themenlage öffentlich zu berichten, sind sog. "Social Bookmarks". Mit diesen Diensten werden interessante Lesezeichen nicht mehr auf dem eigenen Computer vergraben, sondern für alle sichtbar und nachrecherchierbar. Bekannt sind der US-Dienst del.ico.us und der ursprünglich einmal deutsche, aber längst auch international agierende Dienst Mr. Wong. Wenn Sie dort einmal einen interessanten Menschen entdeckt haben, ist es eine Freude, dessen Fundstücken nachzugehen. Web-affine Menschen veröffentlichen den Links zu ihren Bookmarks gleich auf der eigenen Website.

Social Networks

Ein in meinen Augen spezieller Fall sind die sog. Social Networks wie Myspace, Facebook, StudiVZ oder Xing. Ganz klar sind sie die Gewinner der zunehmend öffentlich stattfindenden Diskurse, vor allem der privaten Alltäglichkeiten. So ist StudiVZ mit 2,5 Mrd. Seitenabrufen im Mai 2007 erstmals die meistgenutzte Website in Deutschland. Dies war eigentlich schon seit immer T-Online.

Ich nutze diese Dienste eher mäßig bis gar nicht und allerhöchstens als Adressbuch und eigene digitale Visitenkarte. Mir sind alle diese Dienste zu proprietär. Wer sich aber gerne in einem einheitlichen Rahmen mit Gleichgesinnten austauschen möchte, dazu froh ist, dass er hier in wenigen Minuten eine Profilseite errichten kann, ist auf allen diesen Websites bestens aufgehoben. Und Social Networks sind längst ein Massenphänomen. Alleine Myspace geht auf die 200-Mio.-Mitgliedermarke zu, bei Facebook sind es derzeit um die 30 Mio.

Zusammengefaßt: Kommunikation wird immer situativer, die Kommunikationskultur im digitalen Raum facettenreicher. Wer sich den Trends verschließt, schließt sich von Gesprächen aus. Mitmachen ist kein Muss, Mails aber nicht die Lösung für alles. Klar ist auch, dass die Mail nicht ausstirbt, sondern "nur" an Bedeutung verliert.

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Bisherige Kommentare

1 | Texter schrieb am 23.07.07 13:21

Der unschlagbare Vorteil einer E-Mail:
Man kann sie als ungelesen markieren und hat sie dadurch immernoch irgendwie präsent im Hinterkopf (bzw. Postfach). Mit Briefen hat das leider nie funktioniert ("wo liegt doch gleich die Rechnung vom letzten Monat?")

Spam und unwichtige Mails sind mir noch tausendmal lieber als das Klingeln der Werbepostverteiler - das bringt nämlich wirklich raus!

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