Ist Apple asozial?

Veröffentlicht am 29. Juni 2007 um 20:26 Uhr von Mark Pohlmann

ipodadvertising.jpg

Achtung. Wer auf der Suche nach iPhone-News ist: Bitte gehen Sie weiter. Es gibt hier nichts zu sehen. Auch sonst geht es hier um keinen Glaubenskrieg. Ganz und gar nicht, ich bin gerade auf Mac umgestiegen. Alles ist gut. Es geht um einen Aspekt, den Christian Jung ins Spiel brachte und der mir seitdem nicht mehr aus dem Kopf geht. Seine Aussage ist, dass Apple alles richtig macht, was für ihn als Designer seit Bauhaus als Wertekodex gilt. Dass die Produkte allen gestalterischen Ansprüchen genügen - bis auf den einen, den wichtigsten: Gesellschaftliche Relevanz. Ich zitiere mal kurz die Bauhaus-Stiftung in Dessau:

Wie kaum eine andere Institution hat sich das Bauhaus innerhalb einer krisenhaften Situation der Industriegesellschaft der Frage nach der Beherrschbarkeit des Modernisierungsprozesses mit den Mitteln der Gestaltung gestellt. Die Gründer des Bauhaus wollten die Trennung von Kunst und Produktion aufheben durch eine Rückbesinnung auf handwerkliche Traditionen als Grundlage allen künstlerischen Schaffens. Sie wollten vorbildliche Gegenstände und Räume für eine künftige humanere Gesellschaft schaffen.

Bauhaus ist also bis heute Leitmotiv für die Verbindung von Ästhetik, Technologie und Nutzen. Zurück zu Apple. Ganz sicher ist das Unternehmen seit Jahrzehnten wegweisend in Sachen Form, Handhabbarkeit, Haptik und Bedienbarkeit von Computern. Nur in einem Punkt hapert es: Apple produziert Ein-Personen-Produkte. Wenn man darüber nachdenkt, ist es eigentlich noch schlimmer: Apples Produkte isolieren den Nutzer. Besonders deutlich wird dies beim iPod, der sogar von autistisch versunkenen Tänzern beworben wird. Wer den Kopfhörer aufsetzt, ist von seiner Umwelt isoliert. Soziale Relevanz sieht anders aus. Klar kann man einwenden, dass es am Kopfhörer liegt und nicht an Apple. Oder man kann man sagen, dass internetfähige Computer, zu denen alle Macs nunmal gehören, schon alleine dadurch sozial sind, dass sie Menschen digital verbinden. Aber das Gerät selbst bleibt in seiner realen Umgebung immer einem einzelnen vorbehalten. Alle Geräte von Apple sind Einzelanwendergeräte. Es geht auch anders. Beispielsweise Computerspiele, allen voran die Wii von Nintendo, mit der man zusammen vor dem Monitor steht, spielt und schwitzt.

Was für Apple gilt, gilt natürlich auch für jeden anderen PC, jeden anderen Mp3-Player. Aber gerade von Apple möchte man eigentlich mehr sehen als das nächste Hedonistengerät, so wie es das iPhone ist. Wann endlich werden die Netzwerke, die der Computer schafft, physisch sichtbar? So wie das Bauhaus es geschafft hat, die Industrialisierung für den Menschen, nicht nur für Produkte, sinnstiftend anzuwenden, indem es beispielsweise billigen und dennoch anspruchsvollen Wohnraum schuf (die Wohnsilos aus den 60er und 70ern darf man an dieser Stelle ruhig als Vergewaltigung der Idee ansehen).

in

Trackbacks

TrackBack-URL für diesen Eintrag:
http://blog.sinnerschrader.de/mt/mt-tb.cgi/1718

Bisherige Kommentare

1 | cdv schrieb am 29.06.07 22:49

Wenn ich mít einem iPhone ohne Probleme mit anderen kommunizieren kann, ist es doch nicht wirklich ein "Hedonistengerät". Aber das Wort gefällt mir.

2 | Dr. Matthias O. Will schrieb am 2.07.07 15:33

Die Verbindungsmöglichkeiten nach außen (WLAN, UMTS) bilden die Grundlagen für soziale, mobile Dienste, welche dann eben die Nutzer nicht mehr voneinander isolieren.

Die Hardware kann also m. E. nur die günstigen Rahmenbedingungen schaffen für das, was an sozialen, kommunikativen Diensten denkbar wäre. Ein Betriebssystem mit intuitiv nutzbaren Basisfunktionen ist das eine. Ein Service, welcher nützlich ist und nicht nur auf den ersten Blick Spaß macht, ist das andere.

Das Beispiel Games: Spielekonsolen mögen zwar durchaus mehrere Nutzer verbinden, aber die Spiele schotten u. U. auch von der Realwelt ab. Insofern sind das auch Hedonistengeräte.

Die Zukunft gehört m. E. den Diensten, welche es vermögen, Realwelt und Cyberspace gewinnbringend (in mehrerlei Hinsicht) miteinander zu verknüpfen.

3 | Andreas schrieb am 6.07.07 21:22

Ich stimme Dr. Matthias O. Will zu: Die Dienste sind es, die die soziale Komponente einbringen (soll(t)en).

So bietet Apples Hardware zumindest den einfachsten Zugang zum Web 2.0 (und - ja - unterstützt damit den einen oder anderen Geek darin, sich weiter zurückzuziehen und trotzdem glücklich zu sein).

Beeindruckt haben mich in dieser Liga Microsofts Zune (WLAN-DJ-Funktion) und der Nintendo DS (WLAN-Multiplay). Vielleicht machen ja die angekündigten Nintendo-Games das iPhone sozial?

Ich sehe da das 'Asoziale' Apples viel mehr in den Preisen, die erfolgreiche Hedonisten und Mitläufer wie Spreu vom Weizen deutlich sichtbar trennen. Das hätte im Bauhaus jedes Konzept beerdigt...

4 | Stylewalker schrieb am 12.07.07 10:53

Ich stimme eher Mark zu, es sind nicht nur die Dienste, es ist auch Design, welches sozial sein kann. Zum Beispiel hätte man ja auch kleine Lautsprecher in die iPods bauen können, sich dabei aber unweigerlich den Zorn der ÖPNV-Nutzer zugezogen, die eben NICHT hören wollen, was im Viertel so in ist, musikalisch. Und sie hätten die iPods sicher auch gerne zum Tauschen gebaut, vielleicht sogar per Bluetooth oder Wlan von iPod zu iPod, aber da hätte es dann andere gegeben, die was dagegen gehabt hätten. So wird das soziale auch schnell asozial.

Apple's Tv-Box - naja, auch nicht wirklich besonders gesellschaftlich relevant, auch wenn damit der Umstieg vom Schreibtischstuhl aufs Sofa, neben die Familie vollzogen wird. Mal abgesehen von der hier genannten Wii, wo ist denn "soziales" Technikdesign? Wie könnten denn soziale Computer á la Apple aussehen? Und jetzt doch zum iPhone- ist das vielleicht das neue soziale Apple?

Kommentar schreiben





powered by SinnerSchrader

next08 - register