Auf dem Weg

Veröffentlicht am 14. März 2007 um 10:03 Uhr von Mark Pohlmann

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Bei den Verlagsangeboten im Internet kristallisiert sich der Paradigmenwechsel zwischen alter und neuer Wirtschaft zuerst - kaum ein anderes Produkt ist so gut digitalisierbar wie eine Nachricht. Und die Medienwelt nimmt den Fehdehandschuh des "Mitmach-Webs" derzeit entschlossen auf. Indem sie selbst ausführlichst darüber berichtet, über die Konsequenzen von Blogs & Co. öffentlich nachdenkt und die partizipativen Möglichkeiten des Mediuems Stück für Stück selbst integriert. Wie auch im TAZ-Interview mit Katharina Borchert und Stefan Niggemeier deutlich geworden ist: Nicht einmal Blogger selbst sehen sich als Alternative zum Medienbetrieb, sondern als eine komplementäre Erweiterung.

In den letzten Wochen haben u.a. Die Welt, Süddeutsche und Focus ihre Online-Ableger aktualisiert. Bei allen stand im Mittelpunkt, den hauseigenen Journalismus zu stärken und gleichzeitig das veränderte Medienverhalten zu integrieren. Leser wollen mehr Mitmachen, so die vorherrschende Einsicht. Von partizipativen Medien ist man bei allen Dreien aber noch ein Stück entfernt.

Ein kurzer Blick auf den meiner Ansicht nach gelungensten Relaunch, der von Focus, zeigt, was Verlage sich derzeit trauen - oder eben auch nicht. (hier werden alle Änderungen vorgestellt.) Die Optik und Struktur wurde schon an anderer Stelle gelobt, dem schließe ich mich gerne an. Vielleicht doch eine kleine Mäkelei: Wie oben auf dem Screenshot zu sehen, wirkt die Werbefläche bei Rundum-Anzeigen (sogenannte "Wallpaper" oder "Hockey-Sticks") zu dominant. Aber was hilft´s, hier wird das Geld verdient, das Lesen ist für den Leser eben kostenlos.

Bleibt das Thema Mitmachen. Allem voran: Ja, zu jedem Artikel sind Kommentare zugelassen, und ihre Anzahl prangt direkt neben der Überschrift. Doch ist immer nur ein Kommentar je Artikel sichtbar. Sind es mehr, werden sie per Link weit aus dem journalistischen Bereich ausgelagert. "Über unsere Themen sprechen, immer gerne, auch gerne bei uns im System, aber bitte nicht direkt bei unseren Texten", schallt es einem entgegen. Das finde ich sehr schade, weil es die Dynamik einer Meldung bremst, und gerade die Diskursqualitäten bei Verlagen eigentlich gut aufgehängt sein sollten. Mehr Mut an dieser Stelle bitte.

Blogs sind bei Focus Ehrensache, derzeit sind es 11 Blogs von Politikern wie Oswald Metzger, Silvana Koch-Mehrin und einigen Focus-Redakteuren. Bei einigen wird durchaus rege kommentiert, die Schlagzahl der Publikationen kann als regelmäßig bezeichnet werden.

Wichtigste inhaltliche Änderung an dieser Stelle ist, daß das Schlagwort "Community" durch den Relaunch jetzt in jeder der 12 (!) Rubriken auftaucht, der Klick darauf aber nicht zu einer zentralen Hauptgemeinschaft führt, sondern zu einem Kommentarbereich innerhalb des vorab gewählten Ressorts. Hier werden auch die Promi-Blogs einsortiert. Ebenso findet sich zu jedem Thema (meist werberelevantes wie Gesundheit, Finanzen oder Auto) ein eigenes Forum, in dem die Leserschar wieder unter sich ist und über Handy-Tarife oder Autotuning spricht, je nachdem, wo man sich gerade inhaltlich aufhält. Diese Segmentierung ist durchaus gelungen, macht das Angebot selbst aber auch wieder unübersichtlich, weil ein und derselbe Inhalt mehrfach auftaucht. Das war's auch schon in Sachen Partizipation, oder habe ich etwas übersehen?

Zusammenfassend bleibt für mich der Eindruck, daß die großen Print-Verlage wie SZ, Burda und Springer durchaus verstehen, worauf es für sie in Zukunft ankommt, sie sich aber Zeit lassen, bis sie sich voll auf partizipative Medien einlassen. Diese Vorsicht mag man aus Gründen des Unternhaltungswertes bedauern, sie nährt sich aber aus dem verständlichen Mißtrauen gegenüber der chaotischen Welt da draußen.

An dieser Stelle endet dann aber auch mein Verständnis. Neben der Lust am eigenen Inhalt beginnt im Zeitalter des Web 2.0 eben auch die Sorge um den von außen beigesteuerten. Zum eigenen Wohl. In einer Welt millionenfacher Informationsquellen ist nicht mehr der Content, sondern der Context der große Differenziator. Hier können die richtigen Nutzer Verlagen einen entscheidenden Mehrwert schaffen, der schon aus ressourcegründen intern nicht zu bewältigen ist. Und wir werde es erleben: Schon bald geht es nicht mehr nur darum, die spannendsten Köpfe des Landes zu portraitieren, sondern diese gleich sinnvoll in das eigene Ökosystem einzubauen. Der Kampf um die besten Talente ist auch einer für die Verlage. Und nicht nur bei den Mitarbeitern, sondern auch bei den Lesern und damit bei potentiellen Co-Autoren.

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