Verlage als Diskursmaschine

Veröffentlicht am 6. März 2007 um 9:50 Uhr von Mark Pohlmann

Verlage, die ihre Nutzer nicht in die Erstellung, Einordnung und Bewertung ihrer digitalen Angebote einbinden, verlieren auf Dauer an Reichweite im Internet (...) Inzwischen hätte Web 2.0 gravierende Auswirkungen auf die Wertschöpfung der Medienunternehmen, da sich Softwarelösungen für die Erstellung der Inhalte (Wikis, Foto- und Video-Plattformen oder Blogs), die Einordnung der Inhalte (Tagging) und die Bewertung etabliert hätten. Damit sei es immer einfacher, größere Teile ursprünglich redaktioneller Aufgaben von den Nutzern erledigen zu lassen.

So zitiert Holger Schmidt eine Studie der Unternehmensberatung Timelabs in der FAZ von gestern.

"Wenige Medienunternehmen haben die Zeichen der Zeit erkannt und sich an Web-2.0-Unternehmen beteiligt, zum Beispiel Holtzbrinck an StudiVZ oder Pro Sieben Sat.1 an MyVideo. Doch die strategisch gesündere - wenn auch unbequemere - Variante besteht in der Einbindung der Nutzer in die eigene Wertschöpfung", sagt Marc Ziegler, einer der Autoren der Studie.

In diesem kurzen Artikel steckt viel Sprengstoff für die Verlage. Die ersten Versuche, den Nutzer in das eigene Portal einzubinden, wirken noch sehr halbherzig. Keiner kann als Erfolg bezeichnet werden. Mir fallen da "diskutieren-Sie-mit-Formate" wie im Spiegel-Forum, Blogs alá Focus, Stern und Freundin ein und, schon besser, die Foto-Communitiy Stern View sowie die Readers-Edition, ehemals ein Projekt der Netzeitung.

Was noch überhaupt nicht stattfindet, ist die Einbeziehung der Leser in die Nachrichtenlage, man könnte auch neudeutsch von einem fehlenden Verständnis für Schwarmintelligenz reden. Noch immer sind die Formate fein säuberlich getrennt: Hier die Beiträge der Journalisten, dort die Meinungselemente via Blogs, ein Klick weiter das Graswurzelangebot für Jedermann. Mal eine zaghafte Integration von Lesers Meinung in der Kommentarfunktion der FAZ.net. Dabei sind Leser ein unendlicher Pool an Wissen und Vernetzung, die aus jeder trivialen Agenturtickermeldung einen Einstieg in eine Wissenswelt machen könnten - wenn man sie nur ließe. Amerikanischen Zeitungen beginnen wenigstens, Artikel direkt sichtbar kommentierbar zu halten, wie die Washington Post (Registrierung notwendig).

Aber eigentlich geht es auch gar nicht ums Kommentieren, sondern um sinnvolle Kollaboration. Mißverständlicherweise fürchtet man wohl vorrangig den besserwisserischen und beckmesserischen Studienrat, der die Redaktion in seiner Freizeit als Hobbyjournalist und militanter Leserbriefschreiber traktiert.

Vielleicht sollte man einfach mal in der Zusammenarbeit mit dem Leser ein wenig mehr Professionalität anstreben: Es gibt in jedem Themengebiet seriöse Stimmen, nennen wir sie Experten, die vielleicht sogar selbst publizistisch tätig sind. Sie gilt es an das eigene Angebot zu binden. Nicht unbedingt als regelmäßige Kolumnenschreiber, sondern eben nur dann, wenn es was zu sagen gibt. Das geht aber nur, wenn echte Partizipation herrscht: Inhalt gegen Aufmerksamkeit, vielleicht auch gegen Bezahlung.

Inhaltlich geht es bei der Partizipation darum, die Webangebote von Verlagen als Diskursmaschine zu etablieren, in der jeder eigene Artikel den Weg zu anderen Meinungen und Informationen eröffnet. Keine starren Pamphlete, sondern lebendige Dokumente in Arbeit, wie ein Wiki-Eintrag geschrieben und ergänzt von vielen. Eigentlich müßten sich Redaktionen mit dieser Rolle des Thementreibers doch anfreunden können. Wo ist das Problem?

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Bisherige Kommentare

1 | Limited schrieb am 6.03.07 13:01

Interessanter Beitrag.

Ich denke es gibt mehrere Probleme.

An erster Stelle würde ich die schon fast manische Angst vor Kontrollverlusten stellen. Vermutlich wird sich kein Chefredakteur bereiterklären seine Kontrollhoheit in die Hände von "laien" zu legen.

Dann innere Widerstände in den Redaktionen - Blogs und anderes können als Konkurrenten für den eigenen Arbeitsplatz gesehen werden.

Dann die fehlende Innovationsbereitschaft - solange Verlage noch ihr Auskommen finden, werden sie mit der Masse schwimmen und keine "Abenteuer" eingehen.

Kleinere Partizipationsplattformen werden hingegen aufgekauft und in eine Hierarchie eingebaut, was eine aktive Mitarbeit von Usern dann wieder ausschließt.

2 | Mark Pohlmann schrieb am 6.03.07 16:19

klar, der kontrollverlust ist der dreh- und angelpunkt. aber reichweiten- und bedeutungsverlust erledigen die vorbehalte schon von selbst. die 70er und 80er, das goldene zeitalter der analogen medien, sind vorbei, es gilt heute antworten zu finden auf selbstpublizierende menschen allerorten. aber auch die themenhoheit ist ein wertvolles gut, das sich weiter gut in den händen von journalisten macht.

ich gebe den machern der studie recht: aufkaufen heißt nicht verstehen.

3 | Christian Hoffmann schrieb am 7.03.07 9:50

Das sind wieder die typischen Medienhappen. Studie machen, Unheil verkünden und Mandate für Beratungsleistungen einsammeln :-)

Gerade als Leser verlange ich nach guten Redakteuren. Ich lese Spiegel.de, netzzeitung.de, ftd.de wegen der Qualität der Nachrichten. Ich kann mich darauf verlassen. Genau dieser Nutzwert fehlt, wenn User basteln.

Ja auch ich schreibe Kommentare, aber ich bürde mir doch nicht die Pflicht der tägllichen Nachricht auf. Das möchte ich als USer nicht. Auch nicht als Web 2.0 User.

Christian Hoffmann

4 | Mark Pohlmann schrieb am 7.03.07 10:34

@ c.h.
voll zustimmung. das sollte ja auch die kernaussage meines textes sein: für die verlage ist web 2.0 auch eine frage der professionalität. kommentare zulassen reicht nicht. die einbindung muß schon ein wenig fundierter stattfinden. web 2.0 heißt nicht "der user macht das schon", sondern es ist eine verpflichtung zur vielfalt bei beibehaltung von qualität. das wird nicht einfach. aber es ist die aufgabe, vor der sie stehen.

5 | Heinrich der 1 schrieb am 9.03.07 17:54

Der Beitrag ist wirklich gelungen und umschreibt richtig, dass der Leser im Nachrichten- und Informationsbereich mit eingebunden werden muß. Das Problem besteht darin, dass die klassischen Nachrichten- und Informationsformate für die Einbeziehung des Lesers nicht brauchbar sind. Aber keine Angst, die neuen Formate sind bereits auf dem Weg, und ich bin davon überzeugt, dass sie das Nachrichten- und Informationsgeschäft revolutionieren werden.

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