Die 1-Euro-Elite

Veröffentlicht am 8. Februar 2007 um 14:06 Uhr von Mark Pohlmann

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Ich muß hier kurz mal meinen Frust mit der deutschen Verlagskultur loswerden. Bernd Runges Interview mit der FAZ zum Launch der deutschen Vanity Fair ist von einer solchen inhaltsleeren Arroganz durchzogen, daß durchaus Zweifel an der Zukunftsfähigkeit von Magazinen aufkommen können. Und mir mal wieder beweist, wie gerne sich diese in der Rolle als Gesellschaftsversteher gefallen - und damit durchfallen. Bernd Runge ist übrigens "Vizechef des internationalen Zweigs des amerikanischen Verlags Condé Nast" und führt die Geschäfte in Deutschland. Und ist verantwortlich für den Launch des Lifestyle-Magazins Vanity Fair in Deutschland.

Steigen wir ein ins Interview. Runge will sich mit dem Blatt an Eliten wenden. Klar, deswegen ist ja auch Til Schweiger auf dem Titel!

Frage: Aber gibt es diese „Elite“ überhaupt?

Runge: "Man kann diese Elite nicht eng fassen. Unsere Untersuchungen zeigen, dass es diese Menschen, die wir ansprechen wollen, gibt. Und, dass sie oftmals keine regelmäßigen, im besten Fall eher gelegentliche Nutzer von Wochenzeitschriften sind. Das liegt aber nicht an mangelndem Interesse, sondern an der Darbietung."

Eine Elite, die "man nicht zu eng faßt", ist keine mehr. Und wie schön, daß er Eliten über die Marktforschung sucht, die keine Magazine lesen. Das könnte Gründe haben, lieber Herr R.

Sie hatten einen Werbespruch, der handelte von einem Magazin für ein „neues Deutschland“. Das klang wie das alte „Neue Deutschland“.

"Unser Spruch, oder besser - Anspruch - lautet, das neue Magazin für Deutschland zu sein."

Eliten mögen diese Art der Unverbindlichkeit. Das Etikett "neu für Deutschland" ist so ziemlich das inhaltsloseste, was man zum Launch eines deutschen Blattes in deutscher Sprache sagen kann.

Gibt es denn Figuren, die dieses „neue Deutschland“ repräsentieren?

"Prinzipiell ist „Vanity Fair“ ein General-Interest-Magazin. Wir sind nicht festgelegt, auf das, was man „People“- oder „Celebrity-Journalismus“ nennt. Wir wollen interessante Menschen und Prozesse über Menschen zeigen. Nehmen Sie zum Beispiel die sogenannte „Green Issue“ von „Vanity Fair“ in Amerika. Da geht es um Ökologie und Klimawandel, um Al Gore und Julia Roberts. Mit einer solchen Mischung gelingt es „Vanity Fair“ bei der handelnden Gesellschaftsschicht Aufmerksamkeit zu erzeugen. Wir haben jetzt die Möglichkeit, das in Berlin zu kreieren. Es gibt das Streben, sich zu orientieren und sich zu engagieren. Ganz verschiedene Individuen nehmen plötzlich zentrale Rollen ein, die sogenannten „role models“. Die tauchen bei uns auf."

"Prinzipiell" hat der Herr also keine Prinzipien, und wenn, dann finden die sich beim "Engagieren", "Kreieren" und in der Nähe von "Role Models". Soviel Wollen macht schon Eindruck auf die Elite. Ich sehe sie schon dichtgedrängt am Kiosk stehen. Und - wem ist es aufgefallen? Er hat die Frage nach deutschen Vorbildern mit amerikanischen beantwortet!! Und bringt dann - man kann es nicht oft genug wiederholen TIL SCHWEIGER als Vorbild für die deutsche ELITE auf den Titel.

Was hier noch folgt, sind vollkommen überflüssige Schmähungen des ebenfalls vor wenigen Tagen frisch gelaunchten Titels "Park Avenue". Ob wir wirklich immer die Magazine bekommen, die wir verdienen? Ich hoffe nicht.

Schlußendlich bleibt das Bild eines großen Trauerspiels. Zu einem Abverkaufspreis von 1 Euro will Condé Nast mit Till Schweiger die neue Elite des neuen Deutschland erreichen. Viel Erfolg dabei!

Den Konkurrenten Park Avenue übrigens kann man gegen einen 60-Euro-Gutschein für 60 Euro im Jahr abonnieren. Magazinjournalismus braucht sich nicht länger mit kostenlosem Content im Internet selbst zu kannibalisieren. Die verschenken ihr Produkt jetzt auch in Blattform.

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Die folgenden Weblogs beziehen sich auf diesen Eintrag Die 1-Euro-Elite:

» Verletzte Eitelkeiten von jovelblog
Anscheinend ist gestern eine dufte neue Zeitschrift erschienen: Vanity Fair soll so etwas sein, wie ein Magazin zu allem, oder so. Ein “General-Interest-Magazin” für eine Elite, die nicht genau definiert ist (sagt der Chefe in der FAZ)... [Weiter lesen]

Bisherige Kommentare

1 | lokalreporter schrieb am 11.02.07 21:30

hatte das blatt heute in der hand. 2/3 werbung und all meine kellnerkollegen inklusive restaurantleiter fahren darauf ab. wahrscheinlich ists die suggestive kraft des titels, der törnt. vanity fair verleiht dienstleistern eine globale dazugehörigkeit. mit park avenue kann es sich inhaltlich nicht messen, was zB unseren restaurantleiter nicht interessiert, der will lediglich auf den zug des geringsten widerstands aufspringen und sich in seiner überlebensstrategie von trendigen nebensächlichkeiten bestätigen lassen. hab ich neulich in einem deutschen film mit walter sittler den satz gehört: kellner lächeln, butler nie. vanity fair ist ein magazin für kellner!

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