Neue Erlösströme: Freiwillig, aber bezahlt

Veröffentlicht am 29. Januar 2007 um 13:24 Uhr von Mark Pohlmann

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Es wird Zeit, daß partizipative Dienste den Nutzer am geschaffenen Mehrwert beteiligen. Teilhabe heißt: Geld statt guter Worte.

Ein gutes Beispiel für die Web-1.0-Denke ("Der Staat bin ich") im Web-2.0-Gewand ("Wir sind das Volk") ist Xing, vormals OpenBC.

Der Eintrag in das digitale Telefonbuch Xing ist kostenlos. Der Premium-Account, der überhaupt erst eine sinnvolle Nutzung bietet, also vor allem die Suche im Verzeichnis, kostet 66 Euro im Jahr. Soweit, so bekannt.

Seit Monaten läuft auf jedem Xing-Profil folgendes Werbeprogramm: Für 10 neu geworbene Mitglieder erhält man einen Monat lang den Premium-Account. Ein von mir in das System hineingeholter Kontakt ist Xing also 55 Eurocent wert.

Nun ist Xing frisch an die Börse gegangen. Die Börse bewertete die 1.5 Mio. Mitglieder zum IPO vor drei Monaten mit 160 Mio. Euro. Hier hat jedes Mitglied plötzlich also einen Wert von rund 100 Euro. Knapp das 200-fache dessen, was es im Einkauf kostet. Sicher, die hohe Börsenbewertung baut auf die zahlenden Kunden: rund jeder Achte zahlt die 66 Euro im Jahr für seinen Premiumaccount. Das sind angeblich derzeit 13 Prozent, also geschätzte 0,2 Mio. Mitglieder. Nimmt man nur sie in die Rechnung hinein, ergibt sich ein Wert von 800 Euro je Premium-Account. Jetzt spätestens darf mal gefragt werden, warum es keine intelligenten Alternativen zu proprietären Diensten wie Xing gibt und warum die Premiummitglieder soviel zahlen, wenn sie soviel bringen.

Aber bitteschön, Lars Hinrichs hat das Unternehmen mit viel Weitsicht und Wagemut vor gut drei Jahren unter widrigsten Konjunkturbedingungen gegründet und erfolgreich einen hilfreichen und viel genutzten Dienst geschaffen. Wo also soll der Frevel sein? Nirgends. Vom unternehmerischen Standpunkt hat alles seinen vollkommene Ordnung. Ich gratuliere dem Gründer und seinem Team zu dem Erfolg. Nur habe ich als Nutzer nichts davon.

Schließlich wächst der Wert des Systems mit meiner Aktivität. Doch Aktivität wird nicht belohnt sondern mit der Notwendigkeit der Premiummitgliedschaft bestraft. Das ist, so mag man vollkommen zu recht einwenden, ja nun auch das Geschäftsmodell, und keiner wird gezwungen.

Und dennoch: Ich habe diese Einseitigkeit nicht gewollt. Daß ich 800 Euro wert bin und nichts dafür bekomme. Ich fühle mich doppelt ausgenommen. Vom Abo-Modell wie von der Börsenbewertung. Ich behaupte, daß keiner der 1,5 Mio. Mitglieder das so gewollt hat. Daß ein einziger mit meinen Daten reich wird. Doch wir haben derzeit keine Alternative, deswegen sind wir alle bei Xing.

Ich behaupte weiter, daß derartige Geschäftsmodelle nicht mehr lange funktionieren. Die Infrastruktur für kollaborative Inhalte wird zum Allgemeingut, ist es heute schon. Woanders können wir kostenlos auf Infrastrukturdienstleistungen zugreifen: nutzererstellte Telefonbücher (LinkedIN, StudiVZ, Facebook), genauso wie auf nutzererstelle Enzyklopädie (Wikipedia) oder nutzererstellte Stadtmagazine (Qype).

Kostenlos, also werbefinanziert, ist nur der Anfang. Partizipation heißt, daß ich kostenlos Content erstelle, aber an der Wertschöpfung für jeden öffentlich nachvollziehbar beteiligt werde. Je mehr ich tue, umso mehr profitiere ich. Und jeder soll es sehen.

Ich wünsche mir deshalb Unternehmer, die wissen, was sie ihren Kunden zu verdanken haben und sie dies auch spüren lassen. Craig Newmark gehört dazu. Sein Dienst ist kostenfrei, er verzichtet auf viele Millionen Werbedollars und bietet Privatnutzern die gesamte Plattform kostenlos an. Weil er weiß, daß den gewerblichen Kunden einen Mehrwert bietet, den diese zu zahlen bereit sind. Hiervon profitieren beide Seiten.

YouTube bastelt wohl auch an deratigen Modellen, Details sind leider noch nicht bekannt. Es wird wahrscheinlich darauf hinauslaufen, daß besonders oft abgerufene Inhalte an den Werbeumsätzen, die sich rechts und links der Videoeinblendungen abschöpfen, beteiligt werden. Das finde ich intelligent und fair: Belohne die, die dich groß machen! lautet die Logik der nächsten Generation Geschäftsmodell. Und das Mitmach-Web ist sein ideales Werkzeug. Jetzt braucht es nur noch visionäre Unternehmer. Menschen, die an ihre Kunden glauben. Und nicht nur an das Geld, das sie mit ihren Kunden verdienen.

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Bisherige Kommentare

1 | Frank Barth schrieb am 30.01.07 13:09

Hm, nur ein paar Anregungen dazu:

1. Man kann Xing auch sinnvoll kostenfrei nutzen, und es gibt dennoch keine Werbung.

2. Jedes Mitglied bringt anderen Mitgliedern potenziell was, nicht nur der Plattform. Die kostenfreien Mitgliedschaften aus der Rechnung zu nehmen ("Ich bin 800 Euro wert, weil ich was zahle, der Rest ist nichts wert") ist kein guter Ansatz.

3. Das Werbeprogramm läuft schon seit Jahren, nicht erst seit Monaten.

4. Der Wert einer Firma an der Börse zum Börsenstart berücksichtigt bereits Zukunftsprognosen.

5. Telefonie, als Beispiel, bringt auch nur bei großer Benutzerpartizipation was und lebt von der Aktivität der Anwender. Dennoch zahlen wir nicht nur für die Geräte, sondern auch für das Telefonieren selbst. Und die Anbieter wollen Gewinn machen, nicht nur ihre Kosten decken. Ähnliches kann man über das Internet (Aktivität => Nutzen) und seine Provider (gewinnorientiert) sagen.

6. Die Alternative, gänzlich kostenfreie Dienste, ist die Schaltung von Werbung, denn ein Angebot wie Xing hat auch sehr hohe Ausgaben (allein die laufenden technischen Kosten, da stecken mit Sicherheit größere Serverfarmen hinter mit gewaltigem Traffic- und Strombedarf). Wenn das so weit akzeptiert ist, frage ich mich, warum bspw. Browser standardmäßig Adblocker haben.

7. Geht eine Firma an die Börse, hat jeder Chancen, an ihrem Erfolg teilzuhaben, nicht nur der Gründer selbst.

Das mit YouTube klingt übrigens interessant, aber ich fürchte, dass dadurch ein "Video-Spamming" entstehen kann. Denn immer dann, wenn man Leuten Geld oder Geldwertes in Aussicht stellt, wird es Missbrauchsversuche geben, die zu Lasten anderer gehen.

2 | Dirk Hammer schrieb am 19.09.08 17:23

Ich denke Mut braucht es zu jeder Sache! Wer nicht wagt der nichts gewinnt. Man sollte den Großen nicht allein das Feld überlassen.
Werbung ja aber nicht auf den Profilen. Die Firmeneinträge lassen sich später auch durch kostenpflichtige Optionen erweitern. Ich möchte hier neue Wege der Finanzierung gehen.
Ich glaube an den Erfolg!
Gruß Dirk

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