Ökonomie der Inhaltsobsession

Veröffentlicht am 15. Januar 2007 um 11:41 Uhr von Mark Pohlmann

Inhaltsobsession. Ein schönes Wort aus der Tastatur eines mir bis Dato vollkommen unbekannten Medientheoretikers, der von der Netzzeitung interviewt wurde (oder besser: Mit ihm gemailt wurde. Heute schreibt man Interviews per E-Mail. Wahrscheinlich wegen der Spontaneität.)

Inhaltsobssession. Gute Inhalte gibt es vielerorts, erst der von Autoren und Nutzern geschaffenen Kontext macht ihn im Internet einzigartig. Ohne Content kein Kontext. Der Wortschöpfer Geert Lovink hält nur gar nichts von Inhalten oder Obsession.

"Wenn Sie etwas von der Internetökonomie verstehen wollen, müssen Sie erstmal von Ihrer Inhaltsobsession wegkommen. Die Herstellung von Inhalten kostet gar nichts mehr"

Es geht also um die Ökonomie des Kostenlosen. Klar steckt in kollektiv gesammeltem Wissen ein Riesenpotential - doch kostenfrei erstelltes Wissen ist eben vor allem eines: Interessengelenkt. Die qualitativen Positivbeispiele lassen sich mit einer Hand abzählen. Wikipedia zeigt wie es geht, und an vielen anderen Stellen klappt es auch. Bei den Buchrezensionen von Amazon. Bei den Anbieterbewertungen von Qype. Diese Anbieter bekommen zwar kostenlosen Content von den Gastautoren, für die Aggregation und Distribution sind sie aber weiter auf Erlösströme angewiesen. Aus dem Marketing beispielsweise. Oder dem harten Abverkauf von Produkten. Oder durch Spenden wie bei Wikipedia.

Meine Gegenfrage wäre an dieser Stelle: Was ist denn wichtiger als der Inhalt? Aber weiter im Text.

"Das heißt, die Kosten sind privatisiert und unsichtbar gemacht, jetzt im Moment kommuniziere auch ich kostenfrei."

Ja klar, ist ja auch Eigenwerbung. Für die eigene Person, für das demnächst erscheinende Buch. Ich bin beeindruckt von dieser altruistischen Gesinnung, vor allem, wenn sie so zelebriert wird.

Tatsache ist: Niemand arbeitet gerne kostenlos, wobei es nicht automatisch darum geht, Geld zu verdienen. Oft viel wichtigere Motivationen sind Anerkennung, Öffentlichkeit oder einfach gegeinseitiges lernen oder Austausch. Das alles ist schon oft beschrieben, aber schon lange nicht mehr so platt ignoriert worden wie von Herrn Lovink.

"Inhalte werden zum großen Teil entweder von den alten Medien erzeugt – nehmen Sie «Spiegel»-Online - oder von einzelnen Benutzern produziert und umsonst ins Netz gestellt."
Ist ja im Prinzip richtig, nur sind Blogger keine Journalisten - ich gehe jetzt mal davon aus, daß Herr Lovink diese im Visier hatte, als er den Satz so formulierte. Was Blogger bloggen, ersetzt nie und nimmer die Medienöffentlichkeit, und soll dies meist auch nicht - mir ist auf jeden Fall kein so größenwahnisinniger Blogger bekannt, der es als unbezahlter Schreiberling mit der gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Funktion der Spiegel-Redaktion aufnehmen möchte. Aber Blogger - und andere - definieren sich sehr wohl als Gegenöffentlichkeit, und als solche haben sie eine wichtige Funktion. Hier werden also ganz verschiedene Formen von Inhalt fröhlich auf eine Stufe gestellt, damit die restliche Argumentation flutschiger wird.
"Eine kollektive und vernetzte Herstellung von Inhalten ist Ausdruck eines sozialen Wandels, den wir Alteuropäer nun mal nicht kapieren wollen."

Einspruch, Euer Ehren. Ich kapiere das. Und Millionen andere auch. Wenn Sie meinen, daß wir's nicht kapieren, weil wir noch keine Ökonomie geschaffen haben, wäre ich bei Ihnen. Aber die interessiert sie ja sowieso nicht besonders.

Der Großteil des Wissens ist schlicht und einfach da, er kann in digitaler Form problemlos reproduziert werden.

Wie und warum jetzt, wo die Reproduktionsmittel da sind, das Wissen problemlos der Weltöffentlichkeit zugänglich wird, verrät er nicht. Irgendwie auch egal, wer wo wieviel Aufwand hatte, Wissen zu produzieren, jetzt, wo alles, selbst seine Meinung, kostenlos wird.

Ich würde an dieser Stelle mal kühn behaupten: Problemlos reproduziert werden kann nur eines: Das Allgemeinwissen der Copy & Paste-Gesellschaft. Und schon das ist dringend nötig und revolutionär, und hierfür sind Wikipedia und andere wichtige Botschafter. Wie aber nun gelangt originäres und einzigartiges Wissen durch alleinige Anwendung von Kollaboration an die Öffentlichkeit? Und wie ist dieses Phänomen dann als Internetökonomie zu verstehen? Ich bitte um Aufklärung.

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