Das Spiel mit der Fiktion

Veröffentlicht am 15. Januar 2007 um 15:30 Uhr von Janina Dobrzynski

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Gesellschaftssimulationen sind die Communities von morgen. Doch sage niemand, wir würden uns nicht viele Probleme ins Haus holen.

Beispielsweise der Mafiaboss, der in der Zeit von seinem größten Erfolgserlebnis berichtet: Er hat einen Clan innerhalb von zwei Tagen komplett ausgelöscht. Für einen Auftragsmord nimmt er bis zu 15.000 Dollar, je nach Risiko.

Dass sich darüber niemand aufregt, liegt daran, dass es sich um Morde in Second Life handelt, dem 2003 von Linden Lab entwickelten virtuellen Wirtschaftswunderland. Hinter dem digitalen Avatar sitzt ein ganz realer Mensch und spricht über seine Taten, die ihn ganz reale Zeit gekostet haben und mit denen er ganz reales Geld verdient.

Wo ist die Grenze zwischen wirklichem Leben und virtueller Realität? Die ausradierte Second-Life-Familie hat ihren Machern Zeit, Geld und Energie gekostet, die in den Aufbau ihrer virtuellen Identitäten gesteckt wurden. Sie haben den Schaden, aber keiner beschwert sich. Ist doch alles nur fiktiv. Doch gerade die Spieler selbst behaupten, daß virtuelle Welten eben kein Spiel sind und Avatare keine programmierten leblosen Figuren. Denn sie funktionieren nicht ohne den Menschen, der sie lenkt.

Kontrolle und Zensur hemmen eine Online-Community. Dennoch geht es nicht ohne. Bis zu einer gewissen Gruppengröße mag die soziale Kontrolle durch gemeinsam Werte funktionieren, so wie ein Freundeskreis funktioniert. Treffen aber Tausende von Menschen bzw. virtuellen Identitäten im Netz aufeinander, brauchen sie ein gemeinsames Regelwerk, auf das sie sich beziehen und aufgrund dessen bei Regelverstoß zum Schutz aller Nutzer sanktioniert werden kann und muss. Diese Regeln existieren in Second Life. Nur schert sich darum niemand.

Der schmale Grat zwischen Freiheit, Datenschutz und Sicherheit ist die größte Herausforderung für den Betreiber einer virtuellen Welt und für den Gesetzgeber. Wie wird in Zukunft mit virtuellen Verbrechen von 17jährigen Highschool-Paten umgegangen? Der Cyberspace bietet die Chance, alles auszuprobieren und anders zu machen. Immer wieder aufs Neue, denn wenn alles gegen die Wand gefahren ist, im schlimmsten Fall Mord und Totschlag regieren, bleibt die letzte Lösung: abschalten und ein neues Land bauen.

Wie gut, dass dann doch nicht alles so real ist.

Janina Dobrzynski

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