Was noch zu sagen ist...

Veröffentlicht am 22. Dezember 2006 um 22:35 Uhr von Mark Pohlmann

... so, nun ist ja quasi Weihnachten. Zu meiner eigenen Überraschung sind alle Geschenke sicher im Schrank verstaut, der Toresschluß-Wahn am 23. Dezember fällt für mich das erste mal überhaupt aus. Ich kann also jetzt schon in aller Ruhe besinnlich werden und mal einen kurzen Rückblick wagen.

2006 war ein bewegendes Jahr. Die Menschheit hat sich ein zweites Mal in das Internet verliebt, und dieses mal aus den richtigen Gründen. Denn jetzt beginnt sie zu verstehen, daß der Computer, der uns alle miteinander verbindet, nicht nur das Arbeiten einfacher schneller macht, sondern auch soziale Kompetenzen transportiert. Wir sind das Netz, nicht die Computer. Technik wird endlich nebensächlich.

Das Internet, wie wir es durch das Web 2.0 neu kennenlernen, unterscheidet sich vom alten durch zwei Aspekte. Erstens geht es nicht länger um Komplexität. Das war einer der großen semantischen Fehler des Boom 1.0 - man war beseelt von dem Gedanken "end-to-end" anzubieten. Das hat das nie richtig funktioniert. Das Leben ist eben zu komplex für eine Datenbank. Es funktioniert nicht, nicht richtig jedenfalls, und wo es funktioniert, ist es trivial. Nichts gegen Buchungsmaschinen. Rechnerbasierte Geschäftsprozesse können das richtige Produkt aus Millionen anderen finden, Preise in Echtzeit erschaffen, aber sie können nichts, was nicht schon in Datenbanken angelegt ist. Schon ein falsch eingegebener Begriff führt ins Nirwana. (Kleine Exkursion: Das meiste, was Laron Lanier anführt, halte ich nur für bedingt stichfest. Doch bei einer Beobachtung gebe ich im unumwunden recht: Daß wir Menschen dazu neigen, uns dümmer zu machen als wir sind, um die Computer klüger erscheinen zu lassen als sie sind.). Das Web 2.0 bringt den menschlichen Faktor ins Spiel zurück. Das, worum es eigentlich immer schon ging.

Zweitens: Das Internet wird jetzt zur Gesprächsangebotmaschine. In dem Maße, in dem die von den Menschen selbst generierten Inhalte explodieren, vervielfachen sich die Gespräche. Diese Vielfalt macht uns allen zu Publizisten, Herstellern und Kritikern. Jeder bietet das an, was er hat oder was er kann und wartet auf Feedback. Einher geht der großflächige Kontrollverlust der bisherigen Zentralorgane, die dieser Vielfalt zwar mehr singuläre Reichweite (im Sinne absoluter Abrufe einzelner Inhalte), aber nicht mehr Aufmerksamkeit entgegensetzen können. Myspace ist seit Dezember 2006 die meistgeklickte Website Amerikas. Schon jetzt sind eine von drei Webseiten, die wir uns anschauen, von Nutzern mitgestaltet. Vielfalt ist das größte Geschenk, das sich eine industrialisierte Nation machen kann. Herzlichen Glückwunsch!

Vielfalt heißt auch: Es geht nicht mehr um den Ruhm für 15 Minuten, sondern um Ruhm für 15 Menschen. Wir entdecken unsere Privatsphäre wieder, in aller Öffentlichkeit. Und auch das ist Web 2.0: Nicht Content is King, Context is King. Die reine Information bestimmt nicht länger unser Handeln. Eine Information ohne Kenntnis über den Informanten hat keinen Wert. Ihre richtige Interpretation heißt automatisch, zu einer kleinen, nur für wenige wahrnehmbaren, aber deswegen eben hochelitären Gruppe dazuzugehören. Diese Gruppe beginnt unser Handeln stärker zu bestimmen als millionenschwere Kampagnen oder Auflagen. Das ist die Macht des Individuums. Sie wird zuerst in der Wirtschaft, aber bald auch in der Politik zu spüren sein.

Es wird plötzlich überall wichtig, wie dialogfähig etwas oder jemand ist. Es menschelt im Internet, und dabei ist unsere Erwartung, auf einen verständigen, netten Menschen zu treffen immer gleich - egal, ob wir uns privat im Forum tummeln oder im Servicebereich der Telekom. Und auch die Konsequenzen sind die gleichen: Wer unseren Gesprächserwartungen nicht entspricht, kann uns nicht länger beeinflussen, kann uns keine Zeit mehr klauen. Denn es gibt da draußen genug Alternativen.

(Serie wird über die Feiertage fortgesetzt)
Anm. 3.1.07 -> so war´s geplant, dann kam aber die innerfamiläre Einigung dazwischen, den Computer aus zu lassen. War auch schön ;-)

Ich wünsche an dieser Stelle erst einmal allen Lesern des Themenblogs ein frohes Fest, ein paar besinnliche Tage und ein phantastisches Jahr 2007!

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Bisherige Kommentare

1 | hot-elle schrieb am 24.12.06 16:50

Danke. Dir auch ein Frohes Fest und einen Guten Rutsch ins neue Jahr.

2 | die tina schrieb am 28.12.06 16:25

nur eine kleine Bemerkung...

"end-to-end" wollte immer schon das web 2.0, wusste nur leider nicht wie ;-)..keine tools, keine menschen.....

"end-to-end" und "datenbanken" haben ungefähr soviel miteinander zu tun wie "open source" und "kostenlos"....

guten rutsch! die tina

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