StudiVZ und die Konsequenzen für uns alle
Veröffentlicht am 28. November 2006 um 10:17 Uhr von Mark Pohlmann
Man kann mit Sicherheit sagen, dass StudiVZ [...] beitragen [wird], dass Social Networks in Deutschland wesentlich stärker auf Datenschutz und besseren Support achten.
Robert Basic beleuchtet in seiner Liste der größten durch Blogger verursachten Skandale leider nur die Positivseite bei StudiVZ. Sicher, das ein oder andere Start-up wird sensibilisiert sein. Schlimmer jedoch ist, daß die nicht enden wollende Liste der Peinlichkeiten die Trumpfkarte der Haderer und Zauderer ist, sich eben nicht mit Social Software zu beschäftigen. Und dieser Flurschaden geht weit über das Wirkungsfeld von StudiVZ hinaus.
StudiVZ beweist, daß ein unkontrolliertes Ausnutzen der technischen Möglichkeiten des Internets schnell zu Mißbrauch führt. Nicht nur die paar hundert Studenten brauchen Kontrolle, wenn sie sich zwecks Anmache zusammenrotten. Auch die Gründer brauchen Kontrolle, wenn sie selbst um Aufnahme in den Stalker-Klub bitten. Jedenfalls bei einem kommerziell ambitionierten und nach außen mit weißer Weste auftretenden Unternehmen wie StudiVZ.
Funktionieren Communities nicht ohne Kontrolle? Die Crux ist: Kontrolle ist Gift für die Entfaltung einer Community, die weder von drei Gründer-Naseweisen gegängelt werden will, noch von der Wirtschaft, der GEZ oder sonstigen selbsternannten Erziehungsberechtigten. Communities sind auch Fluchträume aus der gesellschaftlichen Kontrolle und ohne Wildwuchs nur noch die Hälfte wert.
An dieser Stelle übt sich StudiVZ übrigens plötzlich im Schulterschluß mit Napster, Youtube und Myspace. Ihrer aller Faszination nährt sich aus der Regel- und Zügellosigkeit. Sind erstmal die Hauptstraßen planiert, macht sich Langeweile breit.
Die Konsequenz für uns alle ist, daß jedes Unternehmen - ganz gleich, ob Start-up oder nicht - mit seiner eigenen Community immer auch beweisen muß, daß es anders ist als StudiVZ. Das ist eine große Bürde, die dazu verführen könnte, es gar nicht erst zu versuchen. Denn das Risiko, trotz bester Absichten Müll in welcher Form auch immer bei sich zu sammeln, bleibt natürlich bestehen.
Für mich besteht jedoch kein Zweifel: Die Leichtfertigkeit der Gründer im Umgang mit ihrem eigenen System hat das Entstehen von Stalker-Gruppen erleichtert. Die jetzt am Pranger stehenden 800 Studenten haben gewußt, daß StudiVZ ein geeigneter Ort für ihre Ambtionen ist. Es ist kein Wunder, daß vergleichbares bei OpenBC noch nicht zu vermelden gewesen ist. Hier kümmert sich ein professionelles Team rund um die Uhr um die soziale Hygiene des Systems. Das Ergebnis ist zwar weniger Rock´n Roll, aber mehr Nachhaltigkeit.
Und das ist die vielleicht wichtigste Botschaft aus den StudiVZ-Stories für alle, die sich mit dem Aufbau von Community-Systemen beschäftigen: Die Qualität eines Netzwerkes bezieht sich einzig aus der Qualität ihrer Mitglieder. Nutzerzahlen, so schön sie auch im wöchentlichen Mitteilungen zu instrumentalisieren sind, sind allenfalls ein Kriterium für Investoren, nicht für die Mitglieder selbst. Communities leben davon, Gleichgesinnte zusammenzubringen, nicht alle mit allen irgendwie zu vernetzen. Der wirkliche Erfolgsfaktor einer Community ist, wie gut die neuen Mitglieder sind, die von den Bestandsmitgliedern angezogen werden. Hier ist weniger Wachstum immer besseres Wachstum. An dieser Stelle ein letzter Rat an Start-ups: Träumt vom Quick-Flip, aber redet nicht darüber.


Bisherige Kommentare
1 | marcc schrieb am 28.11.06 12:00
Ich behaupte mal, dass das ganze Projekt nur mit Blick auf den Quick-Flip hochgezogen wurde. Und man hoffte, dass die ersten größeren Probleme durch zu schnelles Wachstum mit Sicherheit und Usern erst kommen, wenn das Ding verkauft ist. Daher hat das Projekt aber keine Seele, es ist nicht das Baby der Gründer, dass man wachsen sehen will, es ist das Kind das gezeugt wurde, damit man seine Organe teuer verkaufen kann.
Ich glaube, das hätte auch funktioniert, nur fiel dann einer der Gründer mehrfach negativ auf.
2 | Rainer schrieb am 28.11.06 12:43
> ein letzter Rat an Start-ups: Träumt vom Quick-Flip, aber redet nicht darüber.
Wirklich? Ich bevorzuge eindeutig Unternehmer und Unternehmen, die ihre Träume und Visionen auch kommunizieren können.
3 | sherpa schrieb am 28.11.06 13:22
Bei studiVZ wurde vom Quick-Flip geträumt und nicht darüber geredet. Genau das hat man zwischen allen Zeilen gemerkt, und genau das war einer der Fehler, die den Laden unsympathisch werden ließen.
4 | Mark Pohlmann schrieb am 28.11.06 13:38
@ rainer
träume sind etwas anderes als visionen. eine vision ist etwas, das die welt zu einer besseren macht. ein traum etwas, das nur mich angeht.
@ sherpa
es wurde nicht nur geträumt, sondern auch geredet. von e.d. selbst in den kommentaren der blogbar.
5 | Rainer schrieb am 28.11.06 15:24
Öffentlich nachhaltige Unternehmensentwicklung predigen und privat vom Flip träumen: Auch das ist nicht unser Leitbild eines Unternehmers, oder?
6 | as schrieb am 28.11.06 17:01
Also ich hab früher auch wie wir alle durch das Loch in der Dusche bei den Mädels geluschert. Exhibitonismus vs. Yoyeurismus ist doch Teil der ganzen Web 2.0 Possy und wenn es damals schon die Technik gegeben hätte... olalala ... vielleicht hätte damals irgendjemand eine Webcam installiert. Tatsache ist, dass viele von diesen Loch wußten. Mädchen wie Jungen und auch die Hausmeisterei. Da Hausmeister bzw. Schulleiter allerdings immer eine gewisse Vorbildfunktion haben und das Loch still am Abend stopfen lassen sollten ist mir heute klar. Wenn ich über die private Tiraden des Herrn Obernerds GF lese, weiß ich allerdings, dass der nicht nur an den QUICKFlip dachte... dessen Träume sind viel banaler;-) So banal, dass es schon wieder traurig ist, angesichts des vielen schönen Geldes.
7 | Klaus schrieb am 3.12.06 21:29
Sehr schöner Artikel, bin auch angenervt vom StudiVZ, täglich Fragen mich Leute ob ich mich auch eingetragen hätte, wenn ich denen dann sowas erklären will, kann man das natürlich vergessen...
Gruß Klaus