Kreative Kaste

Veröffentlicht am 10. November 2006 um 16:45 Uhr von Mark Pohlmann

Eine Community wollen viele, doch kaum einer wird sie bekommen. Warum eigentlich nicht?

Aufmerksamkeitsökonomie
Aufmerksamkeit gibt es nur bei Konzentration von Ressourcen. Communities bilden sich dort, wo mehr Wissen, Leben, "Content" oder sonstwas vorhanden ist als sonst auf der Welt. Das zu erschaffen ist die Voraussetzung, ohne gibt es keine Community.

Das ganze Bild
Hersteller sind eigentlich prädestiniert für eigene Communities. Hier können sie einen umfassendsten wie lebendigen Einblick in ihr Sortiment anbieten. Kulturell ist die Überwindung jedoch groß, geht es doch um nichts weniger als zu den eigenen Ansichten auch die komplementären bereitzuhalten. Und die Angst vor dem agilen Mob ist groß. Meist spielt es keine Rolle, wie begründet diese ist.

Entdeckergeist
Die meisten Communities entstehen auf der grünen Wiese. Sie erschaffen sich quasi selbst, indem man sie einfach zuläßt, ihnen einen Platz zum entfalten gibt. Das Zauberwort heißt "entdecken". Menschen wollen Orte, an denen sie sich austauschen können, selbst entdecken und nicht zugeordnet bekommen. Communities bilden sich um engagierte, kompetente und meinungsführende Menschen, die Themen und Meinungen organisieren und so eine Sogwirkung aufbauen. Sie sind der Nukleus, ohne den keine Zellbildung stattfindet. Ein schönes aktuelles Beispiel sind die Lokalisten, die viel Traffic haben ohne große Öffentlichkeit zu erlangen, weil sie vorerst auf den Münchnerraum konzentriert sind. Auch hier hat eine kleine Gruppe angefangen, sich online zu organisieren, aus der nach und nach eine echte Bewegung wurde, die davon zehrt, daß sie eine Gegenbewegung zu kommerziellen Angeboten ist. Auch Myspace lebt vom Status der Gegenöffentlichkeit. Hier ist mit der Größe gleich das Scheitern angelegt: wenn zu weite Teile der Öffentlichkeit organisiert sind, gibt es nichts mehr zu entdecken und die Community verliert ihre sinnstiftenden Zellkerne, weil diese an neue Orte abwandern.

Gegenseitigkeit
Selbst Communities, die als solche bezeichnet werden, sind oft keine. So sind YouTube und Xing keine Communities sondern eher Datenbanken - die eine für Personen, die andere für Filmchen, beide schöpfen ihren Wert aus der Quantität, weniger aus der Qualität - hauptsache, alles ist an einem Ort. Kommunikation ist Nebensache.

Communities leben aber von Vernetzung und Gegenseitigkeit. Aber wer hat schon feste Bezugspunkte unter den Content-Aggregatoren bei YouTube, wer hält sich in den Xing-Foren auf oder ist ein Networker, der ständig Menschen miteinander in Kontakt bringt?

Kreativität
Das ist der Punkt, auf den ich eigentlich hinauswill: Communities brauchen Schaffende, kreative Menschen, die etwas entstehen lassen, sei es Information, Gespräche oder Kontext.

Kreativität meint Aggregation. Schon das Hochladen eines Artikels für Digg.com ist ein hochkreativer und wertschöpfender Akt, zu dem nur einer von hundert in der Lage UND willens ist. Von einem eigenen Meinungsartikel bei Qype, einen Fachbeitrag auf Wikipedia oder dem Foto auf Flickr ganz zu schweigen. Es gibt diese Menschen, aber diese Ressource ist endlich.

Nur, wer diese Kreativität bei seinen Nutzern entfaltet, schafft eine Community, die einen Wert darstellt. Die Aufgabe lautet deswegen, diese kreative Klasse in seinem Umfeld zu finden und zu aktivieren. Das ist der Schlüssel zum Erfolg.

Und hier liegt auch der Schlüssel für den Mißerfolg der meisten: Es gibt schlicht nur eine begrenzte Anzahl von Menschen, die für diese Rolle taugen. Der Kampf um diese kreative Kaste hat schon längst begonnen, wir werden ihn erleben, den Veitstanz um diejenigen, durch die diese Communities leben - und ohne untergehen.

In diesem Sinne, wird Andy Warhol nicht recht behalten. Es geht nicht um "15 Minutes of Fame", sondern um "Famous for 15 People“.

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Bisherige Kommentare

1 | Markus schrieb am 10.11.06 16:59

schöner Text. Nur Tags gibt's bei digg keine.

2 | mark793 schrieb am 15.11.06 18:20

Respekt! Das ist so ziemlich das klügste, was ich zum Buzzword "Community" seit geraumer Zeit gelesen habe. Ich halte es für einen kolossalen Fehlschluss, zu glauben, man müsse jetzt nur noch auf den Community-Zug aufspringen, und alles wird gut.

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