Transparenz in der Krise

Veröffentlicht am 4. Oktober 2006 um 11:24 Uhr von Mark Pohlmann

Transparenz muß man nicht nur wollen, man muß sie auch aushalten. Einmal eingerichtet, ist der digitale Dialog ein wunderbares Füllhorn für des Volkes Meinung - und der eigenen Mitarbeiter, wie Siemens-Chef Kleinfeld derzeit leidvoll erfährt. Auf die besondere Bedeutung von Social Software, vulgo "Der Blog des Chefs im Intranet" weist die FAZ heute in ihrem Leitartikel auf Seite 1 hin:

"Ihr Unmut richtet sich gegen den neuen Vorstandsvorsitzenden Klaus Kleinfeld, und er entlädt sich im Intranet. Im elektronischen Tagebuch, das der junge Chef so gerne nutzt, kann Kleinfeld nachlesen, wie die Belegschaft auf die Gehaltserhähung von 30 Prozent reagiert. Die Mitarbeiter, die nicht anonym, sondern nur in ihrem Namen schreiben können, werfen dem Vorstand Maßlosikgeit vor, weil viele von ihnen um ihre Arbeitspläze zittern müssen. Die Begründung [...] für den Gehaltssprung zerpflückt ein Mitarbeiter in einem Satz: "Ich habe von der Siemens-Personalabteilung gelernt, daß nur Verweise auf eigene Leistungen das Gehalt rechtfertigen - nicht Vergleiche mit anderen"

Zuallerst gilt das Lob der Siemens-PR, daß sie nicht der Versuchung erliegt, die Wahrheit zu beugen, wie das schon bei dem Kleinfeld-Eintrag in Wikipedia oder dem berühmten Kleinfeld-Foto passiert ist, aus dem die Rolex retuschiert wurde.

Die Wahrheit ist also zugelassen bei Siemens, immerhin. Und sie findet den Weg in die Medien. Damit haben auch die Kommentatoren einen direkten Zugang zu dem Herrschaftsinstrument PR. Der einzelne Mitarbeiter bekommt erstmals eine Stimme, eine, die wesentlich differenzierter zu nutzen ist als die Drei-Wort-Losungen auf den Spruchbändern des DGB ("Nieten in Nadelstreifen").

Das ist eine nicht zu unterschätzende Revolution: Daß der eigene Mitarbeiter im Konflikt nicht mehr als dumpfe Masse, als agitierender Mob auftreten muß, sondern sich auf Augenhöhe mit dem Vorstand artikulieren kann - und gute Argumente findet, auf die wiederum die Führung adäquat reagieren kann. Das nennt man Dialog.

Intranets und Blogs können, wenn sie denn verantwortlich eingesetzt werden, zu einer wirksamen Versachlichung der Diskussion führen. Schon die Möglichkeit zur Meinungsabgabe hilft, den Frust zu verarbeiten. Daß die Identifizierung des Beitragschreibers keine Barriere ist, zeigt, wie wichtig dieses Instrument tatsächlich ist.

Blogs und Wikis sind also ein funktionierendes Kriseninstrument. Man muß sie nur zu nutzen wissen. Allerdings lassen sie sich nicht erst in einer Krise installieren. Kleinfeld war gut beraten, in ruhigen Zeiten den Dialog zu suchen und in in rauhen Zeiten nicht aufzugeben. Nur so kann es funktionieren.

Nachtrag 5.10.06: Die FAZ beschäftigt sich heute nochmals ausführlich mit der schlechten Krisen-PR von Kleinfeld.

Nach Ansicht von Beobachtern macht zudem Kleinfelds Eitelkeit die Öffentlichkeitsarbeit schwer. Auf Kritik reagiert er dünnhäutig. Mit dem Bestreben, sich und den Konzern stets nur im hellsten Licht erscheinen zu lassen, sorgt er bei Journalisten für Kopfschütteln. Auf die schon legendäre Sache mit der Rolex-Uhr ist er überhaupt nicht gut zu sprechen. Auf einem Foto hatte er das goldene Stück nachträglich wegretuschieren lassen. Ein Trost bleibt Kleinfeld. Zumindest die "Bild"-Zeitung wird die Rolex nicht mehr so schnell erwähnen.

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Bisherige Kommentare

1 | Thomas Praus schrieb am 4.10.06 18:29

Die Frage muss erlaubt sein: Was nützt der Dialog, wenn es keinen Konsens gibt? Soll das bloße Herauslassen von Ärger schon genug des Guten sein? Dann können sich die Siemens Mitarbieter auch einen Kleinfeld-Sandsack oder eine Dartscheibe mit dem Foto vom Chef aufstellen.

In die Medien haben es Äußerungen ärgerlicher Mitarbeiter in Krisensituationen auch früher geschafft.

Auch die Versachlichung durch Blogs möchte ich in Frage stellen. Plumpe Dreiwort-Kommentare gibt es auch dort zuhauf.

Ja, es ist nett, wenn die Kommentare in Kleinfelds Blog nicht zensiert werden. Wenn sich aber trotzdem nichts ändert, wird es wieder nur zur zynischen PR-Nummer.

Die um ein Jahr geringer ausfallende Lohnerhöhung ist in meinen Augen jedenfalls kein besonderes Zugeständnis.

2 | Mark Pohlmann schrieb am 5.10.06 9:21

Lieber Thomas Praus, die Frage ist erlaubt, was der Dialog nützt. In meinem Beitrag wollte ich aufzeigen, wie Social Software hierzu beitragen kann, den Dialog zu verbessern. Bessere Kommunikation ist eine unabdingbare Voraussetzung für bessere Ergebnisse, aber selbstverständlich kein Allheilmittel.

Interessant und richtig Ihr Hinweis, daß die Medien schon vorab Zugang zu Mitarbeitern hatten. Bislang aber war die Selektion eine andere: Entweder zufällig vor dem Werkstor oder abgesandt durch die Gewerkschaft. Jetzt selektiert die Kraft der Argumente. Das ist ein echter Fortschritt, oder?

Eine zynische PR-Nummer kann wenigstens jetzt als solche identifiziert und benannt werden, und zwar so, daß alle Kollegen es sehen. Und zwar von jedem einzelnen an alle anderen. Das ist das Demokratische, und das finde ich hilfreich. Den Vorstand macht es nicht besser - wie gesagt, da gebe ich Ihnen vollkommen recht.

3 | Andreas Nink schrieb am 7.10.06 15:43

Ich sehe sehr wohl einen Fortschritt in der Möglichkeit, als Mitarbeiter seine Meinung geordnet artikulieren zu können. Und sei es im Intranet. Das ist doch ein erster Schritt. Was ist üblich? Hochglänzende Mitarbeiterzeitschriften mit beschönigendem Inhalt, weil von der Unternehmensleitung gesteuert. Natürlich wäre es weitaus besser, der Blog fände in der Öffentlichkeit statt und nicht im Firmenintranet. Zu hoffen ist, dass der Druck auf Unternehmen zunimmt, sich vor einer derartigen Öffentlichkeit nicht mehr zu scheuen. Vorreiter gibt es. In Web 2.0 steckt die Chance für eine neue Kommunikationskultur, in der es schwierig wird, die Öffentlichkeit mit Wordhülsen abzuspeisen. Daran gilt es weiter zu arbeiten.

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