Raus aus der Komfortzone! (Aufruf zur Kongreßgründung)
Veröffentlicht am 25. September 2006 um 9:22 Uhr von Mark Pohlmann
Ein paar Anmerkungen zu Sinn, Qualität und Wirtschaftlichkeit vernetzter Kommunikation.
- Jemand, der behauptet, "99,99% des Inhalts im Web 2.0 ist das Ergebnis von egozentrischen Selbstreflektierern und hat das Niveau von Teenager-Tagebüchern“, beleidigt nicht nur diejenigen, die oft mit viel Mühe und Zeitaufwand über die Themen schreiben, die sie interessieren. Er beleidigt damit die Kunden seiner Auftraggeber. Das Web 2.0, das sind wir alle; wir sind Kunde, Konsument, Zielgruppe und Meinungsmacher. Allerdings: Genau wegen dieser Mischung aus Selbstherrlichkeit und Unverständnis von Agenturen und Unternehmen ist das Phänomen Web 2.0 überhaupt so erfolgreich. Wir WOLLEN diesen Diskurs unter uns, wir BRAUCHEN ihn, weil kommerzieller Instant-Dialog unsere Bedürfnisse weder kennt noch befriedigt.
- Wer sagt, ein Dialog von vielen zu vielen sei zu aufwendig und damit unwirtschaftlich, ist zu bequem, nach Lösungen zu suchen. Die Kommunikationsindustrie hat sich wunderbar eingerichtet in der seit sechs Jahrzehnten bestehenden Komfortzone. Natürlich ist es bequemer, sich weiter nur um die Anzeigenabteilungen und Redaktionen renommierter Medien zu kümmern, als direkt mit dem Konsumenten in den Dialog zu treten. Doch was wirtschaftlich ist und was nicht, bestimmt stärker als je zuvor der Kunde selbst. Je stärker er sich dem Einweg-Dialog verweigert, umso wichtiger ist es, nach Alternativen zu suchen. Dieser Innovationsdruck ist allerdings kein allumfassender, Web 2.0 kein Allheilmittel, sondern die Wirksamkeit stark von den Produktgattungen und Zielgruppen abhängig. Dennoch ist das Thema zu komplex für Pauschalurteile.
- Jemand, der davor warnt, der Betrieb von Dialoginstrumenten koste Zeit und Geld, will offensichtlich mit diesem Aufwand selbst nichts zu tun haben. Jemand, der im Sinne einer pointierten Positionierung den offenen Dialog ablehnt und damit sich selbst die Chance auf Erfahrungen mit diesen Instrumenten nimmt, schwächt seine Innovationsfähigkeit und Beraterkompetenz unnötig. Von dem Signal nach innen ganz zu schweigen.
- Jemand, der heute noch darüber diskutiert, ob Web 2.0-Tools für den professionellen Einsatz taugen, sollte seinen Kunden auch erklären, warum man die aktuell reichweitenstärkste Website in der wichtigsten Wirtschaftszone der Welt ignorieren kann. (Zum Verständnis: Das Community-Portal myspace hat aktuell 130 Mio. Mitglieder und war im August die meistaufgerufene Website in Nordamerika. Vor Google, vor Yahoo, vor Ebay.)
- Es stimmt. Dialog in Echtzeit ist risikoreicher und reichweitenärmer als klassische Einwegkommunikation. Wessen Wille sich auf Coverage und Werbeäquivalenzrechnungen beschränkt, gehe bitte an diesen Instrumenten vorbei. Nur muß jede Marke nicht nur professionell kommunziert werden, sondern es muß über sie auch gesprochen werden. Eine Marke, die nicht im Gespräch ist, existiert nicht. Wer an dem Dialog seiner Kunden nicht partizipieren möchte, erweist seinen Auftraggebern einen Bärendienst.
- Ich rufe hiermit zur Gründung des "1. Kongresses für Bedenkenträger" auf. Dort können sich alle versammeln, die sich an Risiken delektieren und gerne im Status Quo verharren. Die nicht nur ihre Werbekonzepte, sondern auch ihre Biographien in Gefahr sehen. Die Angst vor Kontrollverlust und vor der Meinungsmacht ihrer Kunden haben.
- Eine Bitte an alle potentiellen Besucher dieses Kongresses: Hört auf, die zu beleidigen, die sich um eure Bedenken nicht scheren.
in Web 2.0


Bisherige Kommentare
1 | Heiko Hebig schrieb am 25.09.06 13:34
Als Austragungsort möchte ich das Messegelände Hannover vorschlagen, vom 7. bis 9. November, parallel zur Web2.0-Konferenz.
2 | Claudia Sommer schrieb am 26.09.06 9:26
Bedenkenträger gibt es leider wie Sand am Meer, insbesondere in der Medienbranche. Ich persönlich habe den Eindruck, dass diese Bedenken aus purer Angst gestreut werden.
Angst vor eigenständigen mündigen Kunden
Angst vor Kontrollverlust
Vielleicht sogar Existenzangst
Welche Existenzberechtigung, hat beispielsweise der klassische Musikvertrieb eines Majorlabels, seid es MySpace gibt?
Das Web 2.0 bedeutet in allererster Linie Unabhängigkeit
Unabhängigkeit von PR-Maschinerie
Unabhängigkeit von Berieselungsmedien
Wenn man Web 2.0 nicht auf einen technischen Begriff reduziert, sondern als sozial-kulturelle Veränderung begreift, dann bemerkt man, dass die kommenden Veränderungen nicht nur Werbekonzepte7 ins wanken bringen werden, sondern insbesondere Vertrieb und auch Kundenservice von Grund auf verändern werden.
Sicherlich ist es zu weilen frustrierend und anstrengend in eine Diskus mit Bedenkenträgern zu gehen, aber es sollte niemanden abhalten seine Innovationen und Ideen vor ran zu treiben.
Also in diesem Sinne: Nicht unterkriegen lassen!
3 | Stefan Moser schrieb am 29.09.06 8:22
Vielleicht sollte man die Bedenkenträger auch subtiler auf Überlegungen bringen ... nach dem Motto: Wieviele der größten 1000 Unternehmen des Jahres 1906 gibt es heute noch? Welchen Stellenwert haben Sie heute? ...
Ergänzend und aktuell ist auch schön als Seitenhieb in der Futurezone des ORF zu lesen: "MySpace bald 15 Milliarden Dollar wert"
http://futurezone.orf.at/business/stories/139702/
Doch eigentlich: mir ist das nur recht. Ich baue kleine, mittlere und große Produkte, nutze die Möglichkeiten des Web x.x, agiere bewusst nicht wie die anderen, zeige Gesicht, gehe gerade und: habe Erfolg. Mir nur Recht dass das (noch) nicht alle machen.
Uhuh, Dinosaurierherden ziehen vor meinem geistigen Auge an mir vorbei. Da hinten - ist das nicht ein Komet.
Moment.
Da steht was darauf - da steht - ah! - 2.0 !
1995 war das Mobiltelefon auch ein Hirngespinst für Private. Die großen Dampfer (und die die sich dafür halten) schwenken eben langsam.
4 | Klaus Eck schrieb am 29.09.06 18:29
Ein sehr schöner Text, der vieles auf den Punkt bringt. Ich bin gespannt, wie sich die DAX-Unternehmen angesichts der neuen Diskussion um CEO-Blogs demnächst entscheiden werden. Setzen sich wieder die Bedenkenträger durch oder gibt es eine Chance für Neues.
Martin Oetting hat einen sehr lesenswerten Beitrag zu Bedenkenträgern geleistet: "Web 2.0 kills the Bedenkenträger? - Wer versucht, spannende, innovative, interessante Projekte umzusetzen, der kennt ihn - den Feind aller Initiative, aller Dynamik, aller Begeisterung: den Bedenkenträger."
Weiter gehts: http://www.connectedmarketing.de/cm/2006/09/web_20_kills_th.html
Gruß aus München,
Klaus Eck