Mein Fotoalbum und der Weltkonzern

Veröffentlicht am 28. August 2006 um 10:07 Uhr von Mark Pohlmann

tcommunity.gif


"Die T-Community ist eine intelligente Kommunikationsplattform. Und ich lade Sie ein, ganz neue Möglichkeiten für sich zu entdecken. Hier finden Sie neue Kontakte, Experten oder Bekannte. Sie können Erfahrungen und Interessen mit anderen Mitgliedern austauschen. Und das Beste: Die T-Community dient gleichzeitig als multimediale Kommunikationsplattform." (O-Ton aus dem T-Community-Werbefilm)

Ich sach´ es mal so. Wenn die Telekom auf einen Trend aufspringt, ist das wie mit einem Taxifahrer, der einem ungefragt Aktientipps gibt: Höchste Zeit, auszusteigen. (Ok, ok. Nur weil ein Vergleich hinkt, muß er noch lange nicht stimmen.)

Und warum eigentlich? Hat die Telekom nicht ausnahmsweise alles richtig gemacht? Ich teile die Einschätzung, daß Communities in naher Zukunft ein bedeutender Wirtschaftsfaktor sind. Wer sich und seine Kunden nicht vernetzt, dem entgehen in einer Welt zersplitterter Zielmärkte wichtige Multiplikatoreneffekte.

Doch die T-Community ist, anders als die neue Sony-Community, nicht um die eigene Produktwelt herum gebaut, sondern begreift sich als markenunabhängiges "Portal", auf dem "jeder alles kostenlos und rund um die Uhr" kommunizieren und publizieren kann.

Es ist jetzt schon abzusehen: der Plattform fehlt die Initialzündung für ein echtes Eigenleben. Wer soll sie nutzen? Die Werbung spricht alle an. Also niemanden. Wer soll sich hierfür begeistern, wer hier Gleichgesinnte finden? Der Telekom-Kunde? Die Nicht-Kunden? Für was? Tagebücher? Für Bauhaus-Sparmodelle? Tierfotografie? Hochzeitsviedaos? Die Infrastruktur, so ausgereift sie auch sein mag, macht nicht den Unterschied. Es sind die Menschen, die dieser Infrastruktur einen Sinn geben. Und das jeden Tag wieder. Bei aller Marktmacht wird diese Plattform wahrscheinlich nicht aus dem irrelevanten Me-too-Umfeld von Flickr, Myspace & Co hinauskommen.

Denn die haben alle am Anfang etwas Entscheidendes richtig gemacht: Sie haben ihre Angebote um eine (von oben gesehen) sehr kleine, sehr scharf umrissene Zielgruppe herum gebaut, die mit wachsender Nutzung für immer weitere Zielgruppen interessant wurden. Myspace war zu Beginn - und ist bis heute - ein Marketingtool für Bands, Flickr für Hobby-Fotografen, Facebook für amerikanische Studenten an B-Class-Unis, OpenBc für Medienmenschen... die Liste ließe sich beliebig weiterführen. Nichts davon aber hätte der Telekom gereicht. Mit dem Ergebnis, daß sie jetzt nichts in den Händen hält.

Genauso lang ist die Liste ehrgeizig gestarteter und vorerst gescheiterter Communities:Yahoo 360°. Google Talk. AOL Aktiv. Allesamt Giganten im Web, aber eben ohne spezifische Ansprache, ohne Stallgeruch. Gleichgesinnte treffen heißt aber eben: Sich Zuhause fühlen. Kleinteiligkeit. Unperfektion. Wissen, wer der andere ist. Daran hapert es bei den Weltmarken eben gewaltig. Sie haben keine Zeit, Dinge entstehen zu lassen, sondern akzeptieren nur große Tore für ein Millionenpublikum. Murdoch war gut beraten, das Chaos bei Myspace weitestgehend zu belassen. 80 Millionen Menschen, die sich Myspace als ihre Plattform ausgesucht haben, haben dies getan, weil sie von außen weder gestört noch belehrt werden wollen.

Dementsprechend verständlich ist die Kritik an der Sony-Strategie, die die Video-Community Grouper gekauft haben. Nicht, um eine eigene Community zu haben, sondern um dort das eigene Programm zu versenden. Aber, hey, laut New York Times hat Grouper 430.000 User im Juli gehabt. Die haben schneller eine Alternative gefunden, als Sony senden kann.

Mein Wunsch an die Marken dieser Welt: Macht es selbst. Behandelt eure Kunden als das, was sie sind: Etwas Besonderers. Hört ihnen zu, entdeckt die Sehnsüchte, die sie haben und versucht, Antworten hierauf zu finden. Gebt ihnen Platz, sich zu entfalten. Sprecht mit ihnen. Lobt sie. Schlagt ihnen was vor, unternehmt etwas zusammen. Unter eurem Namen, auf euren Websites. Das braucht wenig Geld, nur Zeit, ist aber wahrscheinlich der einzige Weg, etwas Bleibendes aufzubauen, für das euch eure Kunden auch noch lieben.

in

Trackbacks

TrackBack-URL für diesen Eintrag:
http://blog.sinnerschrader.de/mt/mt-tb.cgi/1084

Bisherige Kommentare

1 | gerhard schrieb am 28.08.06 18:33

vielleicht sollen ja die t-kunden ihre t-nummern miteinander t-auschen? wer weiß? hihi
oder ist t-com wirklich t-community?

2 | oliverg schrieb am 30.08.06 17:12

Ehm, Google Talk ne gescheiterte 'Community'? Sie wächst langsam aber auf beiden meinen rechnern füllt die Kontaktliste langsam die Seitenhöhe und... ich kann dort jede Jabber-ID einfüttern und es tut. D.h. ich kann mit Leuten auf Jabber-servern buw auch mit allen Mabber-Usern (mabber ist mein Kunde etc pp) chatten.

Also da tut sich spätestens was, wenn
a) Gtalk Gateways zu anderen IMs baut (geht ja schon via Umweg, ich habs allerdings nicht hingekriegt)
b) GTalk SIP-fähiges VOIP macht (bye bye, Skype..), wie sie es (IIRC) angekündigt haben.

IMO hat Google meinfach zu viel an der Backe um sich um alle Sachen zu kümmern (Orkut hätte so schön sein können; Glück für OpenBC... ;) ) andererseits bewegen sich grade GMail & GTalk Schritt für Schritt vorwärts...

Lustig ist eher, dass manche Leute via Gtalk erreichbar sind und gar nicht wissen, dass sie Gtalk HABEN, weil ihr Gmail das 'einfach ungefragt macht'. So wie der Kunde, der 5 min auf meine Gtalk Mailbox 'recordete' ohne es zu merken -- zu seinem Glück keine Besprechungen sondern nur seine klappernde Tastatur...

3 | till schrieb am 18.09.06 16:08

(Sorry, der Eintrag ist alt, aber ich lese gerade meinem Feedreader hinterher. ;-))

Google Talk wuerde ich auch nicht als gescheitert betrachten.

In meinem Umfeld benutzen es inzwischen so viele Leute die keinen Plan vom Internet und Computern im allgemeinen haben, weil es einfach funktioniert.

Und gleichzeitig setzt der Dienst auf Jabber auf an Stelle ein eigenes "Protokoll" zu propagieren und ermoeglicht auf diesem Weg den Austausch mit anderen Nutzern.

Kommentar schreiben





powered by SinnerSchrader

next08 - register