FAZ: neue alte Geschäftsmodelle dringend gesucht

Veröffentlicht am 7. August 2006 um 10:21 Uhr von Mark Pohlmann

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Ganzseitige Eigenanzeige für Content-Kooperationen in der FAZ

Prolog
Neue, andere, bessere Geschäftsmodelle sind der Treibstoff des Internets. Viele haben gute Ideen aber kaum jemand eine Ahnung, wie sie monetarisieren. Umso größer sind Neid und Mißgunst für den Fall, daß einer a) eine tolle Idee hatte, sie b) gut umgesetzt hat und c) stinkreich wird. (Das Intro ist eine Art Vorwarnung, daß ich hierzu gerade ein kleineres Pamphlet vorbereite. Mehr dazu die Tage.)
...
Verlage haben ein Geschäftsmodell, das theoretisch voll online-kompatibel ist. Nur dummerweise haben sie sich bei dem ersten lauen Lüftchen, das ihnen aus der Internetwelt entgegenblies, dazu entschieden, weite Teile ihrer Wertschöpfung, die Berichterstattung, im Web kostenlos abzugeben. Das war im letzten Jahrtausend, vor der Währungsreform und gar kein Problem, weil damals nur eine Minderheit willens war, hochwertige Artikel auf minderwertigen Bildschirmen anzuschauen.

Heute ist das anders. Heute haben viele Redaktionen online eine höhere Reichweite als im Print. Und auch wenn sicher etwas dran ist an der Überzeugug, daß der Webauftritt eine Rampe zum Print-Abo ist: Einen einmal auf kostenlosen Inhalt konditionierten Konsumenten konvertiert man schwer zum 31-Euro-Zahler (so teuer ist beispielsweise das FAZ-Abo im Monat.)

Wo also das Geld hernehmen, das im Verlag dank der teuren Erstellung und kostenlosen Abgabe verbrannt wird und kaum duch minderwertige Bannerwerbung zu kompensieren ist? Die FAZ bietet, durchaus logisch, ihren Content Unternehmen für die Zweitverwertung an. So die ganzseitige Eigenanzeige der FAZ von heute. Und in der Tat: Warum sollen nicht andere dafür zahlen, was man selbst kostenlos abgibt? Aus verlegerischer Sicht sicher eine gute Idee. Und so sieht das Angebot auch aus

Themen und Formen nach Wahl
Wir bieten Ihnen unterschiedliche Bezugsformen:
Content Feed - zielgruppengerechte Auswahl von Beiträgen aus dem gesamten Spektrum, wie Sozialpolitik, Unternehmensberichte, Buchrezensionen, Sportreportagen.
Themendossiers - Strukturierte Hintergrundinformationen zu ausgewählten Themen.
Terminvorschau - wöchentliche Übersicht wichtiger Ereignisse in Politik und Wirtschaft.
RSS-Feed für Profis - ständig frische News per RSS auf Ihre Website.
Themenarchive - automatisch aktualisierte Artikelauslese zu Schwerpunktthemen mit direkter Einbindung
Quelle: FAZ Archiv

Nur, es wird nicht funktionieren. Weil a) Internetnutzer originäre Inhalte suchen, gerade bei Unternehmen. Weil b) es keinen Mangel an redaktionellen Inhalten im Web gibt, auch nicht an hochwertigen, auch nicht bei den kostenlosen. Und weil c) FAZ-Artikel zu keinem mir bekannten "Portal" kompatibel sind, die mir als Anwender noch am ehesten in den Sinn kommen. Eigentlich sind jetzt schon alle relevanten Portale in der Hand der Verlage. Verlagsunabhängige betreiben nur noch Telcos. Und die, vielmehr ihre Nutzer, dürften schwerlich mit FAZ-Content zu ködern sein.

Viel spannender für die Zweitverwertung wären Long-Tail-Modelle, bei denen sich Unternehmen das Recht an der tatsächlichen Nutzung von Clippings kaufen, beispielsweise für jene, in denen sie selbst erwähnt sind. So würde man jeden interessanten FAZ-Artikel auf die eigene Website stellen und danach bezahlen, wie oft die eigenen User diesen aufrufen.

Doch noch kauft man die Rechte so, als übernähme man hiermit auch die Rentenzahlungen an den Autor.

So hat SinnerSchrader der FAZ unlängst knapp 1.000 Euro für vier (!) online-publizierte Artikel überwiesen - und das war schon mit Rabatt. Solche Summen kommen schnell zusammen, schließlich liegt die kleinste von der FAZ vorgesehene Abnahmeeinheit bei rund 20.000 Nutzern, für Artikel wohlgemerkt, die in Wahrheit und im besten Falle ein paar Dutzend Mal im Jahr angesehen werden - so oft eben, wie sich Nutzer in das Archiv der Presseabteilung unserer Website verlaufen. Und dann sind die Rechte an der Nutzung natürlich weiter zeitlich limitiert. Das Ergebnis: Wir haben keine FAZ-Artikel mehr in unserem Archiv = nie wieder Geld für die FAZ.

Sollten Verlage von diesem selbstherrlichen Gebaren abrücken, könnten sie zu der Überzeugung kommen, mit CPC-Modellen mehr zu verdienen als mit der Rasenmähermethode. Allein, der Glaube fehlt mir, daß diese Einsicht schon stattgefunden hat.

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