Die Zukunft der Zeitung

Veröffentlicht am 30. Mai 2006 um 12:27 Uhr von Mark Pohlmann

Zeitungen befinden sich in einem Mehrfrontenkrieg. Die Druckkosten steigen, die Werbeeinnahmen sinken, die Leserschaft altert. Jüngere interessieren sich mehr für Handies und iPOD statt für die Märkische Allgemeine, und das Internet ist aktueller, billiger und vielfältiger. Zudem helfen die Verlage mit ihren Internetauftritten kräftig mit, sich selbst mit kostenlosen Online-Ausgaben zu kannibalisieren, deren Artikel oft genug mit den gedruckten identisch sind. Nicht zu vergessen fällt es der Printanzeige immer schwerer, ihre Wirksamkeit im Vergleich zu digitalen Anzeigen zu beweisen. Kurzum: Die Frage, wie schnell sich Zeitungen vom Trägermedium Papier lösen, ist eine existenzielle.

Im Mittelpunkt steht derzeit die Herausforderung, die Geschäftsmodelle zu transformieren. Derzeit sehen die Verlage ihr Heil vor allem in der Ausdehnung der Marke auf andere Produktsegmente, wie es die SZ Mediathek oder die Volksartikel der Bild vormachen.

Andere diversifizieren, zum Beispiel mit Workshops. Die Washingten Post, berichtete die FAZ gestern, verdient mehr Geld mir ihrer Tochtergesellschaft Kaplan als mit der Zeitung. Kaplan bietet Kurse und Bücher für die Zugangstests zu US-Hochschulen an. Mir kommt der IDG-Verlag in den Sinn, der zu seinem kostenlosen IT-Magazin CIO dutzende Workshops, Kongresse und Events anbietet und so den Leserstamm über Umwege monetarisiert.

Der FAZ-Artikel (bislang nur Print) verweist auf einen amerikanischen Kongress der Zeitungsverleger zu ihrer eigenen Zukunft, bei dem, symptomatisch genug, auch Bill Gates zugegen war, der eine neue Generation Zeitungslesesoftware vorstellte, mit der die Lesbarkeit der Zeitung mit der Interaktivität des Webs verknüpft werden soll. Was allerdings von der Fähigkeit der DRM-Wächter dieser Welt zu halten ist, etwas so sinnvolles wie eine digitale Zeitung zu schaffen, hat Martin Recke plastisch auf Fischmarkt beschrieben.

Alle starren sie auf das Internet. Auf Blogs. Auf Communities. Auf reine Webzeitungen. Sorge machen "disruptive Innovationen" wie das Breitband, die das Leseverhalten ändern und Spezialangebote, die die Leser "pflücken", mit News, Wetterdiensten, Partnervermittlung, Börsenkursen. Jedesmal wird die Substanz der Zeitung erschüttert.

Mit dem Projekt "Newspaper Next" wollen die Zeitungen endlich das Gespräch mit den Lesern suchen. Wie wichtig dieser Dialog ist, zeigt sich nicht zuletzt in Katastrophen wie den Londoner U-Bahn-Anschlägen. Hier wurden aus Lesern "City-Journalism", die per Handy-Videos und Blog-Einträgen ein sehr schnelles und differenziertes Bild von der Situation an den einzelnen Orten der Anschläge liefern konnten. Stoff, der nur allzugerne von den Profi-Journalisten übernommen wurde.

Was Newspaper Next genau sein soll, steht wohl noch in den Sternen. Wichtig an dem Projekt ist, daß sich an diesem Projekt 25 große und kleine Verlage, viele direkte Konkurrenten, beteiligen. "Überall wo ich hinkomme, ist die Situation ähnlich" sagt Steven Gray, Leiter des Projektes. "Sie sagen: Wir müssen etwas tun, und zwar jetzt", schreibt die FAZ.

Gray macht sich keine Illusionen über die kulturellen Probleme, die im Weg liegen. Wegen der Kleinenzeigenerfahrung hätten Verlage beispielsweise etwas wie eBay gründen können. Auf eine kostenlose Zeitung sei auch noch niemand gekommen.

Die von den US-Verlagen angewendete Strategie ist so einfach wie zwingend: Newspaper Next hilft den Verlagen, sich in neuen Märkten und Verfahren auszuprobieren, ohne sich in einem Alleingang zu verzetteln. Einzige Erkenntnis bislang: Ohne das Internet hat es die Zeitung schwer.

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Bisherige Kommentare

1 | Hugo E. Martin schrieb am 30.05.06 19:47

Das mit Bill Gates ist schon eine ganze Weile her:

Bill's Remarks
http://www.microsoft.com/billgates/speeches/2006/04-28ASNE.asp

PPT Präsentation
http://www.microsoft.com/presspass/download/Gates042806ASNE.ppt

Webcast
http://www.microsoft.com/winme/0605/27748/ASNE_MBR.asx

Aber, um es undiplomatisch auf den Punkt zu bringen, es geht nicht um die Erschließung von Erlösquellen (Sonderprojekte bringen Geld in die Kasse, machen den Eignern Freude und das ist gut so) und irgendwelche Gadgets (mit denen man etwas 'auch' - und vielleicht genauso, aber nicht besser machen kann) sondern darum, ob Zeitungen Services bieten, die sich als "First and Best Choice" möglichst emotional besetzt bei den tatsächlichen und präsumtiven Lesern / Nutzern etablieren.

Welche Empfehlungen Warren Bufett zum Thema Investitionspotential in 'Newsprint' gibt hier:
http://hemartin.blogspot.com/2006_05_01_hemartin_archive.html#114847421006334540

2 | Mark Pohlmann schrieb am 31.05.06 14:31

hallo hugo martin, danke für die links. der kommentar war im spamfilter hängengeblieben...wohl zuviele links drin...bitte nächstes mal eine kurze mail an mich. danke!

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