Renteneintrittsalter von Paradigmen

Veröffentlicht am 10. April 2006 um 16:24 Uhr von Mark Pohlmann

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Seit dem Physiker Thomas S. Kuhn gibt es die Erkenntnis, daß (wissenschaftliche) Lehren nicht widerlegt, sondern nur abgelöst (vulgo: umgehauen) werden können. Die Folge ist: Paradigmenwechsel hinterlassen keine Konvertiten, sondern Verlierer.

Medienmenschen kennen das Gefühl. Ihre Wonnejahre mit Print und TV kommen nicht wieder, aber sie können auch nicht loslassen. Sie quälen sich mit den digitalen Medien und verweigern sich ihnen, wo es nur geht. Sie simulieren die Duftstoffe des Neuen, tun interaktiv, kommunikativ, bewundern das Internet und seine Idole, kurzum, sie tun alles, um sich nicht einzulassen. (Jüngstes selbst erlebtes Beispiel: Zeit-Herausgeber Michael Naumann, der von der Niederlage der Printmedien gegenüber den digitalen spricht, das Internet aber als Kulturbarbarei geißelt.) Bevor sie sich ändern, gehen sie lieber unter. Mit Print und TV. Und hoffentlich erst nach dem Renteneintritt.

Menschen, die ihre eigene Medienbiographie retten wollen, die nicht wahrhaben wollen, in wie wenigen Jahren ihnen der Markt entglitten ist, die aber weiter an den Schalthebeln der Marken und Medien sitzen - sie sind der Grund, warum nur drei Prozent der Marketingbudgets in digitale Kanäle hineinfließen, dort aber jede zehnte Minute verbracht wird. Sie verletzen das Prinzip jeden Tag neu, daß eine Marke dem Markt folgen muß. Sie verweigern sich ihrer Klientel genauso wie Politiker, die ihre Wähler nicht wahrhaben wollen, weil sie so unbequem sind.

Noch ein Paradox: Auch Web-Professionals der ersten Generation wollen die Veränderungen nicht sehen. Sie verteidigen ihre Welt genauso wie die Offline-Apologeten. Auch sie verstehen nicht die Vergänglichkeit eines Trends, mit dem sie groß geworden sind. Nur werden sie es mit ihrer Einstellung zum Renteneintritt nicht schaffen. Sie sind zu jung.

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Bisherige Kommentare

1 | Jürgen Ahting schrieb am 11.04.06 9:54

Entsprechend Kuhn ist es wahrscheinlich effektiver, statt den Beharrern zu predigen den Aufgeschlossen zu helfen, einen Wettbewerbsvorteil über erstere zu gewinnen. In "Why pontificate to the complacent?" und "Let's Concentrate on Those Who Want to Improve" habe ich darüber im Kontext von Softwareentwicklungsmethoden geschrieben und auf einen interessanten Erfolgsreport verwiesen.

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