Feindselig

Veröffentlicht am 19. April 2006 um 12:25 Uhr von Mark Pohlmann

Verlage werden das Internet und seine Bewohner wohl nie mögen. Zitat heise.de zu "10 Jahre heise-Newsticker":

Blogger, das sind Personen, die 5 Minuten googlen und dann ihre Wahrheit verkünden.

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Bisherige Kommentare

1 | Benedikt - Corporate Sound schrieb am 19.04.06 14:13

Ein deutliches Zeichen dafür, dass die traditionellen Verlage wirklich Angst vor den neuen vernetzten Medien haben, ist, dass sie für ihre verteidigende Legitimierung ein Geschütz in der staatstragenden Größenordnung eines Habermas auffahren müssen.

2 | Mark Pohlmann schrieb am 19.04.06 14:19

wobei ich finde, daß habermas die sache nicht schlecht erfaßt hat. daß seine sprache heute sperrig wirkt (und es wohl vor dreißig jahren auch schon war) steht auf einem anderen blatt. zum thema angst der verlage verweise ich an dieser stelle nochmal recht selbstgefällig auf meinen beitrag zum paradigmenwechsel vor wenigen tagen.

3 | Benedikt - Corporate Sound schrieb am 19.04.06 14:37

Was den Paradigmenwechsel angeht, so weiß ich nicht, ob der Vergleich ganz zutrifft. Der Begriff des Mashups beschreibt recht gut, was hier geschieht: die alten Medien und ihre Verbreitungsformen sterben nicht aus, sondern bilden (gerade in ihrer Antiquiertheit) zu einem großen Teil das Substrat der neuen Medien (Blogs etc.). Okay, auch Kuhn kennt das Phänomen, dass neue Paradigmen umfassender sind und einen neuen Rahmen für das alte Denken abgeben, aber was man auf dem Schauplatz Druckerpresse versus Web2.0 beobachten kann, ist dass genau diese Auseinandersetzung (also die Reflexionen über die neue Rolle der Medien) selbst zu einem zentralen Thema oder Inhalt wird (diese Diskussion ist ein Beispiel dafür). Bei Kuhn funktioniert der Paradigmenwechsel eher unspektakulär und oftmals durch "biologische Abbauprozesse".

Habermas überschätzt m.E. den dezentralen und egalisierenden Charakter elektronischer Kommunikationen. Sieht man sich die Blogstatistiken an, so gibt es ganz klare Hierarchien oder Gravitationszentren. Die passen zwar nicht mehr zu dem klassischen Begriff des Intellektuellen (und wollen auch gar nicht diese Funktion wahrnehmen), aber wirken dennoch bündelnd und filternd. Was natürlich dran ist, dass diese Diskursmaschine nach neuen Regeln operiert und in ihrer Fokussierung auf Reichweiten (Subscriberzahlen) ganz offen nach quantitativen (Netzwerk-)Gesetzen funktioniert und nicht mehr nach den kriterien inhaltlichen Bedeutung oder Autorität.

4 | Mark Pohlmann schrieb am 19.04.06 15:07

einspruch, euer ehren. der dezentrale und egalisierende charakter des internets ist die quelle des mißmutes der meinungsträger alter schule. habermas, gerade in seinem elitären sprachduktus, ist ein paradebeispiel für die überzeugung, daß künstliche verknappung die eigene ausnahmestellung manifestiert. teilen - vor allem der aufmerksamkeit - ist ihre sache nicht.

blogstatistiken helfen nicht weiter, weil die reichweite der vielen blogs mit wenig traffic in der summe mit sicherheit höher ist, als die der wenigen blogs mit viel traffic (long tail).

worum es mir geht: wartet nicht auf die verlage, wenn es euch um intelligente informationsaufbereitung und -verteilung geht. die sind zu stark mit sich selbst beschäftigt. natürlich sterben sie nicht aus. aber sie bilden schon bald nicht mehr die mitte (und spitze) der gesellschaft ab. (um ein ganz anderes faß aufzumachen: tageszeitungen sind für mich grundnahrungsmittel, und ich leide unter ihrem bedeutungsverlust, sehe aber nicht, daß sie das problem wirklich lösen wollen.)

5 | Benedikt - Corporate Sound schrieb am 19.04.06 15:32

Ein paar kurze Anmerkungen noch, dann muss ich mich wieder - künstlich oder auch nicht - verknappen:

Ich glaube das Problem der Intellektuellen mit den neuen Medien ist ein grundsätzliches: Egal ob long oder short tail, es wird ganz banal gemessen. Das ist etwas, was die klassischen Intellektuellen noch nie geliebt haben. Deshalb sprechen Intellektuelle auch nicht durch Massenzeitungen, sondern durch Qualitätszeitungen oder Suhrkampbände. Auch die Rede von A-, B- oder C-Blogger passt nicht zur Welt des klassischen Intellektuellen, der sich gerade nicht in eine Rangordnung einordnen lässt, sondern eine eigene Gattung repräsentiert.

Mir stellt sich nun die Frage, ob es früher oder später einen neuen Typus eines Intellektuellen2.0 geben wird, der diesen neuen Medien entspricht. Wie wird dieser aussehen? Zu wem wird er/sie sprechen? Gibt es eine andere Grundlage als die klassische Knappheitslogik?

Du schreibst "wartet nicht auf die verlage, wenn es euch um intelligente informationsaufbereitung und -verteilung geht". Ich beobachte zur Zeit Folgendes: ein wachsender Teil der klassischen Medien lamentieren über ihre schwindende Bedeutung während ein wachsender Teil der neuen Medien genau diese Bedeutungsverlagerung in freudiger Erregung kommentiert.

Ich befürchte nur, dass diese Beobachtung wenig mit der gelebten Wirklichkeit des wenig-lesenden, nicht-digeraten Durchschnittsbürgers zu tun haben kann und daher selbst schon wieder als Versuch gelesen werden kann, eine gewisse intellektuelle Überlegenheit aufzubauen.

6 | Mark Pohlmann schrieb am 19.04.06 15:37

nur ein satz noch: wir alle ringen um deutungshoheit. (und wollen dafür geliebt werden)

apropos verknappung: hast du zeit & lust, zu unserem 2.0-kongress zu kommen? kurze mail an mich reicht.
m.p.

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