"Die goldenen Zeiten sind vorbei" oder: Wir erfinden uns neu

Veröffentlicht am 15. September 2005 um 18:49 Uhr von

Die Hamburger Werber Springer & Jacoby sortieren sich neu. Probleme machen zunehmend diversifizierte Werbekanäle mit geringerer Reichweite (vulgo: mehr Arbeit für weniger Geld) und ein fortschreitender Preisverfall, oder: lästiger Wettbewerb.

Als Reaktion wird das Projektgeschäft fortan in "klassische Dienstleistung" und einen "Effizienztarif" unterteilt. Letzterer bietet weniger Arbeitsstufen, straffere Abläufe und standardisierte Briefings und soll deutlich günstiger sein. Kurz: Wer sich auf einen festen Projektablauf einläßt, zahlt weniger. Wer das volle Programm alltäglichen Agenturwahnsinns will, bekommt die dementsprechende Rechnung. Dazu kommen eine neue interne Struktur, neue Geschäftsführer, der Verzicht auf imageträchtige, aber kostspielige Teilnahme an Awards.

Klingt doch irgendwie vernünftig. Wurde aber schlecht aufgenommen. Der Höhepunkt war heute die FAZ, die "Springer & Jacoby ist auf Abwegen" titelt und urteilt: "Auf eine gesunde Entwicklung deutet das nicht hin."

Warum die Ablehnung? Einige vage Erklärungsversuche aus der Außenperspektive. 

1. In dem Pressegespräch wurde offenbar die aktuelle wirtschaftliche Situation nicht wirklich ausformuliert dargestellt - jedenfalls fehlen jegliche Fakten in der Berichterstattung. Keine Zahlen, keine Herleitungen, das läßt Raum für Spekulation und Zweifel. Der Verweis auf die Börsenregeln für den Haupteigner Interpublic zeigt nur, daß dieses Kommunikationsproblem zwar gesehen, aber nicht gelöst wurde.

2. Reorganisationen werden immer als Krisenzeichen wahrgenommen. Warum hat man nicht früher reagiert? Woher kommt die Gewißheit, daß die bedienten Hebel die richtigen sind? Am Ende richtet sich das Timing immer gegen den Akteur, der beweisen muß, daß jetzt die richtige Zeit zum Handeln ist. Hier scheint es bis auf die Kündigungen keinen plausiblen Anker gegeben zu haben. Zitate wie "Die goldenen Zeiten sind vorbei" (laut FAZ) sorgen da eher für Endzeitstimmung.

3. Konsequenz der PR-Aktion: die Fachgazetten sind voll, aber auf www.sj.com ist kein Sterbenswörtchen zu lesen. Die letzte News im Pressebereich ist von Mai 2005. Das wirkt nicht vorbereitet. Was ist mit Kunden, Mitarbeitern, Partnern, Ehemaligen, Assoziierten, Freunden & Bekannten? Wurden alle vorab informiert, so daß jegliche allgemeine Information überflüssig ist? Oder haben sie es aus der Presse erfahren? Dann werden sie sich jedenfalls nicht bevorzugt behandelt fühlen. Journalisten zuerst zu informieren heißt, Prioritäten gegen die zu setzen, von denen das Unternehmen lebt.

4. Ein Dienstleister soll sich um den Kunden kümmern, nicht um sich. Wer über die eigene Effizienz redet und Awardeinreichungen abschafft, bestraft den Kunden. Beides sind nicht die richtigen Ausgangspunkte für ein Gefühl des Aufschwungs.

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