Schaulaufen auf Hauptversammlungen

Veröffentlicht am 11. April 2005 um 16:28 Uhr von

Schrempp_hv2005Gute Eigen-PR machen derzeit die Fondsgesellschaften. Die Zeilen von Alexander Gutzmer, Chefredakteur vom Verbands-Fachblatt "Pressesprecher", spiegeln schön die allgemeine Erwartungshaltung, daß Großanleger durch ihre Stimmacht wirkungsvolle Kontolltrupps bei unternehmerischen Schieflagen sind. 

Ein harter Tag für Jürgen Schrempp: Die Hauptversammlung hat den DaimlerChrysler-Chef so richtig rangenommen. Das Aktionärstreffen ist ein Beispiel für die zunehmende Bedeutung großer Investmentgesellschaften. Dies ist, anders als Verteufelungsdiskurse um das böse Großkapital nahe legen, zu begrüßen: Damit bekommen Hauptversammlungen ein höheres Argumentationsniveau. Mediale Großereignisse waren diese schon immer. Doch auf bloßen Krawall gebürstete Hobby-Analysten verleihen HVs den Charakter pseudodemokratischer Showevents. Fonds wie DWS hingegen haben wirklich etwas zu sagen.
Quelle: PDF-Newsletter "Sprecherszene 56"

Leider wird, abgelenkt durch die überflüssigen Schmähungen Richtung Kleinaktionär, vollkommen ausgeblendet, daß in Realität nicht mehr als ein laues Lüftchen herauskam:

1. Der DaimlerChrysler-Vorstand - also auch Schrempp - wurde mit 94,59 Prozent entlastet. 2004 waren es nur 88,49 Prozent. Den Aufsichtsrat entlasteten die Aktionäre mit 94,38 Prozent. Im Jahr davor waren es 87,28 Prozent.

2. Die Investmentgesellschaften, die vorab am lautesten gemosert haben, enthielten sich bei der Abstimmung. Warum stimmten sie nicht dagegen?

3. Soweit sie zitiert wurden, hielten sich die argumentativen Höhenflüge der institutionellen Anleger in engem Rahmen.

"Mindestens ein Zylinder läuft nie rund".
"Wer Premiumprodukte zu Premiumpreisen anbietet, muss auch Premiumqualität liefern"

Thomas Meier, Sprecher der Fondsgesellschaft Union Investment

"Fehlentwicklungen im Konzern werden zu spät erkannt und adressiert"
"Die Geduld der Aktionäre ist erschöpft"
"Eine Ikone ist Mercedes längst nicht mehr."
"Der Wert der Marke Mercedes werde leichtfertig aufs Spiel gesetzt"

Klaus Kaldemorgen, DWS Investment

"Fünf Jahre Misswirtschaft nach der Chrysler-Fusion"

SEB-Fondsmanager Thomas Körfgen
(Zahlen und Zitate: ftd.de)

Merke: Auch wenn Profis besser als Laien die Geschäftszahlen interpretieren können, müssen sich ihre Erkenntnisse nicht unterscheiden.

5. Laut dem in Berlin anwesenden Handelsblatt-Redakteur Thomas Knüwer war die Stimmung auf der HV "erstaunlich lau" (Hier sein lesenswerter, weil sehr realtitätsnaher Bericht)

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Bisherige Kommentare

1 | aktionär schrieb am 24.04.05 17:08

Ich verstehe nicht, warum gerade den Fondsgesellschaften vorgeworfen wird nichts zu unternehmen, die gerade zu den HVs gehen! Müßte die Kritik nicht an die großen und auch kleineren Fondsgesellschaften gehen, die eben nicht auf den Hauptversammlungen auftreten. Was ist mit den ganzen Zertifikatehäusern, die die Rechte komplett ignorieren? Und die Indexfonds, Hedgefonds und ausländischen Investoren? Bezüglich Enthaltung oder Ablehnung der Entlastung, gibt es nur zu sagen, daß es rechtlich unerheblich ist und auch bei Enthaltungen genug Zeichen gesetzt werden. Außerdem sollte jeder einmal nachrechnen, wie in diesem Jahr die 94% zustande gekommen sind. Die Enthaltungen wurden nämlich von der grundgesamtheit abgezogen, so daß ansonsten ebenfalls ein Ergebnis

2 | Mark Pohlmann schrieb am 26.04.05 16:20

Hallo Aktionär,
mein Vorwurf richtet sich nicht gegen die Fondsgesellschaften, sondern gegen die unkritische Reflexion der Medien über deren Einfluß. Auslöser für den Beitrag war die Aussage, mit den Fondsgesellschaften bekämen Hauptversammlungen "ein höheres Argumentationsniveau". Dies ist in Anbetracht des realistisch betrachtet meist geringen Einflusses doch mindestens diskussionswürdig. Letztlich wird auf Hauptversammlungen weniger entschieden als zur Schau gestellt. Oder?

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